Die Schüler von Winnenden – Unser Leben nach dem Amoklauf

Die Schüler von Winnenden KLEIN

Marie Bader, Marie-Luise Braun, Steffen Sailer, Annabell Schober, Jennifer Schreiber, Pia Sellmaier – in Zusammenarbeit mit Daniel Oliver Bachmann

Arena Verlag, Februar 2013

168 Seiten, € 9,99

ab 12 Jahre

 

 

Fünf Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 8 und 15 Jahren und eine Lehrerin erzählen, wie sie den 11. März 2009 an der Albertville-Realschule in Winnenden erlebt haben und wie sie lernen mussten, dass ihr Leben nach dem Tag des Amoklaufs weitergehen muss. Der Tag, der ihr Leben auf dramatische Weise für immer verändern sollte, der Tag an dem der 17 Jahre alte Tim Kretschmer fünfzehn Menschenleben an der Schule auslöschte, 11 weitere Menschen zum Teil schwer verletzte, bevor er sich nach einer Hetzjagd mit der Polizei selber tötete.

Der Autor Daniel Oliver Bachmann hat mit den Opfern ihre persönlichen Erinnerungen, wie sie den Amoklauf erlebt haben und wie dieser Tag ihr Leben verändert hat, gemeinsam aufgeschrieben. Das Buch entstand in Kooperation mit dem „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden –Stiftung gegen Gewalt an Schulen“, für das zweifellos um Unterstützung geworben wird. Es sind sehr persönliche und unterschiedliche Gedanken der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerin. Sie alle erzählen von einem ganz normalen Alltag mit alltäglichen Sorgen und Problemen. Bis zu dem Moment, als Tim K. in ihre Klassenzimmer eindringt und scheinbar wahllos ihre Klassenkameraden niederschießt. Die Opfer erzählen von Wut, Verzweiflung, Trauer um Klassenkameraden und Familienmitglieder, die durch den Amoklauf ihr Leben verloren haben. Klar wird auch, dass Menschen, die dieses grausame Erlebnis nicht erlebt haben, nicht annähernd nachempfinden können, warum die Opfer manchmal durch Kleinigkeiten, wie beispielsweise einer Tür im Rücken oder einen plötzlichen Knall, aus der Bahn geworfen werden: „Der Psychologe fragt mich, wie ich mich fühle. Was soll ich sagen? (…) Niemand, der nicht dabei war, wird verstehen, wie ich mich fühle.“ Jeder kämpft sich mit kleinen Schritten in einen neuen Alltag, der nie wieder so sein wird, wie vor dem Attentat. Unverständnis und Vorwürfe gibt es für die sensationslüsterne und unsensible Berichterstattung der Medien. Unverständnis gibt es auch für gewalttätige PC-Spiele und Schützenvereine, in denen die gefährlichen Waffen nicht ausreichend gesichert eingeschlossen werden, verbunden mit der Aufforderung, Schützenvereine generell zu verbieten. Verbitterung zeigen die Betroffenen für die Haltung der Eltern des Täters, die nie ein Wort der Entschuldigung für die Opfer hatten. Unisono sind alle der Erzählenden der Meinung, dass in Deutschland zu wenig Präventionsarbeit geleistet wird, um Schulamokläufe zu verhindern. Hier wird mehr Einsatz und eindeutige Gesetze von Politik und Behörden gefordert. Die Zahlen von Amoklaufdrohungen an deutschen Schulen und die Auflistung der zum Teil mit tödlichem Ausgang erfolgten Gewalttaten an deutschen Schulen von 1999 bis einschließlich 2010 schockieren. Betroffenheit hinterlassen die Erinnerungen und Beschreibungen der fünf Opfer; verbunden mit den nachdrücklichen Forderungen, in Deutschland strengere Waffengesetze durchzusetzen, gewalttätige PC-Spiele zu verbieten und viel sensibler auf Äußerungen von Mitschüler zu achten, denn die meisten Täter machen im Voraus mit Fotos oder Filmen im Internet auf ihre geplante Tat aufmerksam. Hier sollen die Schüler aufmerksamer werden und „lieber mal einen Fehlalarm riskieren, als hinterher sagen zu müssen: Hätte ich nur den Mund aufgemacht!“

Das Buch wird getragen von den sehr intensiven Emotionen der erzählenden Opfer: Wut, Trauer, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und der Erkenntnis, dass das Leben irgendwann irgendwie weitergehen muss. Als (jugendlicher) Leser fragt man sich allerdings auch, was man außer der ohnmächtigen Betroffenheit und dem Aufruf, aufmerksamer gegenüber den Mitschülern und entsprechendem Verhaltensmustern zu sein, von diesem Buch mitnimmt. Die festgehaltenen Erinnerungen sind aus psychologischer Sicht ganz bestimmt ein wertvolles Mittel zur Reflektion und Aufarbeitung, doch sind sie auch das richtige Material für ein Buch? Wie wirken sie auf Schüler? Machen sie Angst? Sensibilisieren sie bezüglich des Verhaltens und Tuns ihrer Mitschüler oder werden die Schüler mit der Anteilnahme und Traurigkeit letztlich alleine gelassen?

Sabine Hoß

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