Der Babysitter-Profi

Babysitter-Profi KLEIN

Marie-Aude Murail

Fischer KJB

Februar 2013

320 Seiten, € 12,99

ab 12 Jahre

 

 

Marie-Aude Murail gehört in Frankreich zu eine der bekanntesten und erfolgreichsten Autorinnen in der Kinder- und Jugendliteratur. In Deutschland wurde sie der breiten Leserschaft erst 2007 bzw. 2008 bekannt, als sie von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für „Simpel“ ausgezeichnet wurde. Ihre Stärke ist es, Außenseiter und sozial- und gesellschaftliche Themen kritisch und mit ihrem ganz besonderen ironischen Humor ins rechte Licht zu rücken. Ihre Sprache ist einfach, was aber nicht negativ zu verstehen ist. Sie schreibt klar und verständlich und ist den Jugendlichen in ihren Gedanken und Gefühlen sehr nahe, ohne dabei künstlich zu wirken oder sich anzubiedern und nicht selten erscheinen ihre jungen Protagonisten reifer als die Erwachsenen.

So auch in ihrem neuen Buch „Der Babysitter-Profi“.

Weil der 15-jährige Ernest chronisch pleite ist und seine alleinerziehende Mutter mit einer Freundin zusammen mehr recht als schlecht eine Boutique führt, sucht er verzweifelt einen Job. „Mach es wie Martine-Marie“, schlägt ihm seine Mutter vor. Ihr Patenkind verdient sich erfolgreich ein zusätzliches Taschengeld als Babysitterin. Die misstrauischen Überlegungen von Ernest, ob es denn überhaupt männliche Babysitter gibt, kann er sehr schnell und mit großem Erfolg widerlegen. Sein Ruf als „Babybeschwörer“ macht schnell die Runde in der Nachbar- und Bekanntschaft, nebenbei gibt er zusätzlich Nachhilfe. Als ihm für das Aufsatzthema seiner Schülerin Ideen fehlen, kann Martine-Marie ihm helfen. Ihre Cousine Amandine hat einen Speicher, auf dem für den Aufsatz inspirierende Gegenstände zu finden sind – und auch einige andere Dinge, die da nicht hingehören. Eigentlich findet Ernest die etwas langweilig wirkende Martine-Marie sehr nett, doch Amandine verdreht ihm den Kopf – und damit sitzt er zwischen den berühmten zwei Stühlen. Immer dann, wenn Ernest nicht weiter weiß, sucht er Rat in der Bibliothek oder in schmachtenden Liebesromanen, auf die ihm eine ältere Nachbarin aufmerksam macht. Dabei macht er Bekanntschaft mit vielen liebeskranken Verwicklungen und Beziehungen. Bücher, die ihm in der Realität noch von Nutzen sein werden.

Das Buch ist in drei Kapiteln unterteilt, der zweite Abschnitt setzt die Handlung zwei Jahre später fort. In dieser Zeit hat sich eigentlich nicht viel verändert; Ernest hat immer noch zu wenig Geld, sein Vater bleibt von der Bildfläche verschwunden – und seine Mutter ist im fünften Monat schwanger. Allerdings hat auch dieser Mann und werdende Vater keine Chance ein festes Familienmitglied zu werden, denn Ernest Mutter hat ihn wie seine Vorgänger vor die Tür gesetzt. Unverändert ist auch die leere Haushaltskasse, denn die Geschäfte mit der Boutique laufen so katastrophal, das Ernest sogar den Gerichtsvollzieher in die Wohnung lassen muss. Als seine Mutter frühzeitig ins Krankenhaus muss, da sich die kleine Schwester viel zu früh ankündigt, fühlt sich Ernest alleine und überfordert. Kein Geld im Haus, die Mutter nicht greifbar, wendet er sich an den Bruder seines Vaters. Valentin ist Künstler und ein Lebenskünstler mit Herz und Verstand. Ohne viel zu diskutieren hilft er Ernest, seiner Mutter und der neuen kleinen Schwester, die als Frühchen einen schweren Start hat. Das macht Valentine mit mehr Engagement und Liebe als es der Mutter recht ist. Im letzten Kapitel geht es um die schwierige Annäherung der Erwachsenen Valentin und Ernest` Mutter, die es sich gegenseitig nicht leicht machen. Dabei waren sie sich einmal sehr nahe, bevor die Mutter die Beziehung mit Ernest` Vater einging. Eine schwierige und turbulente Zeit steht den vieren bevor: Valentine, der immer noch Ernest` Mutter und das kleine Baby Justine über alles liebt, Ernest, der sich mit Valentin gut versteht und ihn daher durchaus als seinen Ersatzvater vorstellen kann und das Baby Justine, die mit ihrem Temperament alle um den Finger wickelt.

Es sind meist ziemlich chaotische und turbulente Familien, in denen sich Marie-Aude Murails Geschichten abspielen. Dennoch sind sie nicht unglaubwürdig oder albern überzeichnet sondern immer so, dass man sie sich durchaus so vorstellen kann und gleichzeitig froh ist, dass sie „nur“ eine Geschichte ist. Ihre Charaktere sind herrlich skurril und schrullig und gerade deshalb wirken sie sympathisch. Dabei spielt es keine Rolle, ob  die Erwachsenen überfordert und unaufmerksam in Szene gesetzt werden oder Jugendliche eine nüchterne, klare und kompromisslose Sichtweise haben. Beiden gibt die Autorin im Laufe der Handlung die Möglichkeit sich zu entwickeln, aus ihren Fehlern zu lernen und sich zu verändern. Der einzige Kritikpunkt, den ich nennen könnte, ist die Tatsache, dass ihre Geschichten am Ende meist gut ausgehen, was nicht der Realität entspricht.

„Der Babysitter-Profi“ ist eine lebendige, unterhaltsame Geschichte mit ironischem Witz, auch (oder vielleicht gerade) für männliche Jugendliche, in der es um erste Liebe, Freundschaft, und den ungewöhnlichen aber durchaus erfolgreichen Job eines männlichen Babysitters geht. Aber auch um anstrengende Eltern und Erwachsene, die sich gerne das Leben schwerer machen, als es nötig ist.

Wie alle Bücher der vielseitigen Autorin hat auch bei diesem Tobias Scheffel mit viel Sensibilität und Wortwitz den Ton von Marie-Aude Murail stimmig wiedergegeben.

Das Cover ist witzig und passt zur Geschichte.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit der Autorin findet Ihr hier:

 

 

 

 

 

 

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