Wer morgens lacht

WEr morgens lacht KLEIN

Mirjam Pressler

Beltz & Gelberg, Juli 2013

364 Seiten, € 17,95

ab 14 Jahre / Erwachsene

 

 

 

Inhalt:

Die 22 Jahre alte Anne lebt zurückgezogen in ihrer Münchner Studentenwohngemeinschaft, ihre ganze Leidenschaft gehört der Biologie und die Erforschung von Pilzen sind ihr Spezialgebiet. Beim morgendlichen Laufen am Mainufer begegnet sie für einen kurzen Moment einer  jungen Frau, von der sie glaubt, dass es ihre Schwester sein könnte. Sie hat die gleichen kurzen, knallroten und gegelten Stachelhaare und den gleichen schmalen, hochbeinigen Körper wie ihre Schwester Marie, die vor sieben Jahren verschwand. Die junge Frau läuft weiter und lässt Anna mit einer Wucht an Erinnerungen zurück. Als Anne fünfzehn war, verschwand ihre vier Jahre ältere Schwester Marie. Seitdem ist sie jeden Tag in ihren Gedanken präsent und lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Obwohl sie aus Allach bei München für ihr Biologie- Studium nach Frankfurt gegangen ist, schiebt sich Marie immer wieder in Annes Leben. Anne beschließt ihre Gedanken auf Papier festzuhalten und hofft damit auch Marie aus ihrem Leben zu vertreiben. Mit ihrer Geburt beginnt Anne den Rückblick im Jahre 1990, sie beschreibt die schwierige Beziehung zu ihrer Schwester Marie, die ihr immer in allem vorgezogen wurde. Die Omi, die Mutter ihrer Mutter, die auch ihr liebevoller Mutterersatz war und Zentrum des Hauses, in dem Gefühle kaum gezeigt und ausgetauscht wurden. Von der Omi hat Anne auch das Wissen über Pilze und die Liebe zur Natur. Als Marie an einem Sommertag anruft und ankündigt, dass sie nie mehr nach Haus kommen wird und man solle auch nicht nach ihr suchen, verändert sich ab diesem Tag wird das Leben für alle; es wird eingeteilt in ein „Davor“ und „Danach“. Stück für Stück rollt Anne die Vergangenheit auf. Diese aufgeschriebenen Geschichten strengen sie an und verwirren sie gleichermaßen, denn jetzt, zehn Jahre später, erscheint manches in einem anderen Licht. Ricki, ihre Mitbewohnerin  spürt, dass Anne sich mit Leichtigkeit und Kontakten schwer tut und in ihrer einfühlsamen Art schafft sie es, dass sich Anne ihr gegenüber öffnet. Zum ersten Mal erzählt sie jemand anderem von ihrer Schwester und ist sich gleichzeitig nicht sicher, ob  wirklich richtig ist. Doch Anne merkt bald, dass Ricki sie ernst nimmt und nicht ausnutzen will und die gemeinsamen intensiven Gespräche tun ihr als Korrektiv sehr gut. Ricki ist es auch, die sie bei einer Fahrt nach Hause begleitet um herauszufinden, inwiefern ihre Erinnerungen ein Eigenleben führen und sie sich vielleicht manches nur eingebildet hat.

 

Rezension:

Es gibt wohl keine Familie, in der es nicht dunkle Punkte, Unausgesprochenes, und falsche Bilder gibt. Und nicht wenige Geschwisterbeziehungen sind von Spannungen geprägt, wie auch bei Anne und Marie, die unterschiedlicher nicht sein können. In einer klaren und doch sehr feinfühligen Sprache lässt Mirjam Pressler die introvertierte und zerbrechliche Anne ihren Rückblick in die Vergangenheit und die Geschichte ihrer Familie aufschreiben. Lange hat Anne ihre Erinnerungen an Familie und vor allem an ihre Schwester Marie verdrängt. Jetzt versucht sie, so ehrlich wie möglich sich ihr zu nähern. Dabei stellt sie fest, dass ihre Omi, die so sehr geliebt hat, auch eine sehr traurige und vom Leben enttäuschte Frau gewesen sein muss. „Wer morgens lacht und mittags singt, am Abend in der Hölle springt“ ist eines ihrer geliebten Warnungen gewesen. Freude und Vertrauen hat sie misstraut, eine Parallele, die auch bei Anne wiederzufinden ist. Ebenso die Eigenart, manche Sachen wie beispielsweise Spitzer und Radiergummi im rechten Winkel zueinander zu ordnen, wie auch ihre Mutter das tut.

Anne weiß, dass Erinnerungen selektiv sind und man sich nicht auf sie verlassen kann, denn man lässt Dinge weg oder denkt andere dazu, manches intensiviert man und anderes wird gemildert.

Meisterhaft weiß Mirjam Pressler Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Dabei bindet sie geschickt und sehr passende Textauszüge aus Liedern der deutschen Pop- Gruppen „Silbermond“ und „Wir sind Helden“ mit ein. Anna stellt fest, dass sie von ihrer Schwester aber auch von ihren Eltern und der geliebten Omi ein Bild hatte, das sich im Laufe der Zeit und mit ihrer Reflexion nun verändert, was sie aber vorher nicht wahrgenommen hat oder nicht hat wahrnehmen wollen.

Mit dieser Erkenntnis kehrt sie nach Hause zurück und spricht zum ersten Mal offen mit ihren Eltern über viele Dinge. Anne entwickelt sich von einer misstrauischen, ängstlichen und introvertierten jungen Frau zu einer, die erkennt, dass man sich Wahrheiten stellen muss und sie durch Verdrängung nicht verarbeitet werden. Ihre Freundin Ricki ist ihr dabei eine einfühlsame und kluge Stütze.

„Wer morgens lacht“ ist ein psychologisch klug aufgebautes und  intensives Plädoyer für Empathie und der Tatsache, dass bei Erinnerungen Wahrheit und Vorstellung verschmelzen. Der vielschichtige und tiefgründige Familienroman zeigt die Schwierigkeit, sich Tatsachen, vor allem den unangenehmen, zu stellen und sie anzunehmen. Ob man sie selber verändern kann, ist eine andere Sache, aber Geschichten, mit denen man sich reale Situationen so zurechtlegt, dass man damit umgehen kann, entsprechen selten der Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die zwar durch Verdrängung nett gemacht aber nicht verarbeitet wird.

„Realitäten können sich verändern, Bilder legen sich übereinander, Silhouetten verschwimmen, manche Konturen werden überdeutlich, andere verblassen, und Farben verändern sich, als würden sie von bunten Scheinwerfern angestrahlt. Oder sie setzen sich ständig zu neuen Mustern und Formen zusammen, wie bei dem Kaleidoskop, das mir die Bodenmais-Oma einmal geschenkt hat. … Vielleicht sollte jedes Kind mit einem Kaleidoskop aufwachsen, eine bessere Vorbereitung auf das Leben gibt es nicht. Nur ein bisschen drehen…“

(Auszug aus dem Roman, Kapitel Sechzehn, S. 231)

Das dunkle Cover mit dem Foto, dass leider eher das Gesicht eines jungen Mannes als einer jungen Frau zeigt, passt trotzdem atmosphärisch zur Geschichte. Der lilafarbene Titel leuchtet je nach Lichteinfall unterschiedlich intensiv, was ebenso passend wie raffiniert ist.

Mirjam Pressler schreibt keine Mainstreambücher. Ihre Sprache hat einen ganz eigenen Stil und ihre Bücher legt man nicht so einfach aus der Hand, sie machen nachdenklich und hallen lange nach. Dieses hier zeigt Lebenserfahrung und Weisheit ohne oberlehrerhaft zu sein.

Es ist im besten Sinne ein “all age”-Buch, auch wenn ich diese englische und künstliche Bezeichnung nicht mag.

Sabine Hoß

Bewertung:

Fünf Fragen an Mirjam Pressler zu ihrem Buch „Wer morgens lacht“ findet Ihr hier:

Ein ausführliches Interview mit der Autorin ist auf “Bücher leben!” ebenfalls zu finden.

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