Bunker Diary

Bunker Diary KLEIN

Kevin Brooks

Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn

dtv, März 2014

300 Seiten, € 12,95

ab 16 Jahre

 

 

 

Sechs Personen werden in einem Bunker von einem namenlosen Entführer festgehalten. Als erstes gerät durch seine Hilfsbereitschaft der 16-jährige Linus Weems in die Fänge eines Entführers, dann folgen in Abständen weitere Personen in dem Bunker ein: Die neun Jahre alte Jenny, Fred, ein heroinabhängiger Kleinkrimineller, der mit seinen Tätowierungen und seinem Aussehen grobschlächtig wirkt, Anja Mason, eine junge, erfolgsverwöhnte Immobilienmaklerin, der feiste Banker William Bird und Russell Lansing, ein schwer kranker, alter farbiger Physiker und Schriftsteller. Warum sie dort gefangen gehalten werden ist für sie genauso rätselhaft wie die Frage nach der Person, die sie festhält. Nur eines ist sicher, dass es ein ER ist. Die Sechs werden von ihrem Entführer fast an jedem Ort beobachtet, eine Intimsphäre gibt es fast nicht.

Linus beginnt ein Tagebuch, das ihm hilft, seine Gedanken zu ordnen. Die sechs Eingeschlossenen hadern alle ganz unterschiedlich nach Temperament und Charakter mit ihrem Schicksal. Linus kümmert sich liebevoll um die kleine Jenny und freundet sich mit Russell an. Selbst zu Fred, der sich zunächst brüsk und abweisend zeigt, baut Linus eine einvernehmliche Beziehung auf. Als Linus alleiniger Fluchtversuch misslingt, verändert sich die Stimmung dramatisch. Der Entführer beginnt mit perfiden psychologischen Spielchen: Er reagiert mit Nahrungsentzug und stachelt die psychische Folterung um ein weiteres an. Zudem hetzt er die Insassen mit der Aufforderung aufeinander, dass der, der jemand anderen tötet, frei kommt. Eine Aufforderung, die erst einmal keiner ernst nehmen will aber die gesamte Situation zuspitzen lässt…

Die Situation, Menschen aus ihrem gewohnten Leben herauszulösen und sie mit provozierenden, psychisch belastenden Umständen zu konfrontieren wurde schon mehrfach in der (Jugend-)Literatur beschrieben. Jetzt hat sich auch Kevin Brooks in seinem neuesten Buch der Thematik angenommen. Er schneidet seine Protagonisten völlig von der Menschenwelt ab, dass Warum und die Person des Entführers ist dabei völlig nebensächlich. Es geht nur um das nackte Überleben und darum, wie sechs grundverschiedene Charaktere unterschiedlicher sozialer Herkunft in dieser Situation miteinander umgehen. Dabei hadert jeder Protagonist beim Eintritt in den Bunker mit seiner derzeitigen Lebenssituation und ist mehr oder weniger unzufrieden. Von daher ist es vorhersehbar, dass die Figuren mit den Vorurteilen, Skepsis und auch Misstrauen der anderen kämpfen. Der eine oder andere Charakter kann sich auf die wild zusammengewürfelte „Gemeinschaft“ einlassen, andere wiederum nicht.

Durch die Tagebuchform des jugendlichen Linus ist der Leser sofort in der Geschichte. Die anderen Figuren dagegen werden nur kurz bei Eintritt in den Bunker vorgestellt, ansonsten bleiben sie in der Darstellung und Entwicklung eher blass, was merkwürdig ist, angesichts der außerordentlichen psychischen Belastung, die alle zu tragen haben. Als Erzähler ist Linus die einzige Person, die man näher kennenlernt und sich relativ verbunden fühlt.

In knappen, klaren Sätzen reduziert Brooks die Handlung auf das Wesentliche: ein Horrorszenario, in dem die sechs Inhaftierten Tage, Wochen, ja Monate völlig isoliert ihre Zeit absitzen müssen. Auf die Spitze treibt der Entführer das Ganze mit willkürlichem Nahrungsentzug und Hetzbotschaften, in denen er zum gegenseitigen Töten auffordert. Diese Situationen beschreibt Brooks mit brutaler Schonungslosigkeit. Der Leser ist wie der Entführer ein Zuschauer des Dramas – und bleibt letztendlich hilflos und verzweifelt zurück.

Trotz aller Dramatik kippt die Spannung immer wieder: Linus verfängt sich wiederholend in monotonen Erinnerungen an seine Kindheit; er erinnert sich an die Zeit, bevor er sich zu einem Leben auf der Straße entschieden hat oder er beschreibt seitenlang in konfusen Sätzen, wie in seinem Körper die im Essen versteckten Drogen auswirken. Dadurch entsehen keine ruhige Phasen sondern einfach nur unnötige Längen. Andererseits fehlen hintergründige Beschreibungen über die anderen fünf Mitinsassen, die bis zum Schluss ohne Kontur  bleiben und nicht wirklich in der Handlung in einem schlüssigen Kontext stehen. Wie die sechs Insassen langsam aber sicher angesichts ihrer aussichtslosen Befreiung wahnsinnig werden, das hat Brooks nachvollziehbar und ziemlich bedrückend ausgearbeitet, dennoch gibt es auch hier einige unschlüssige Stellen, wie bei den Folgen der Tötungsaufforderung des Entführers.

Das Ende ist düster, schockierend. Kevin Brooks wollte bewusst kein gutes Ende, womit man leben muss, denn auch die furchtbarste aller Vorstellung kann leider eine wahre sein. Legt man das Buch zur Seite, ist man zunächst traurig über das erschütternde Ende. Gleichzeitig fragt man sich, was will die Geschichte; was ist die Quintessenz?

Wenn Kevin Brooks mit seinem Horrortrip schockieren, provozieren will, so ist ihm das durchaus gelungen. Wenn es sein Bestreben ist, herauszustellen, dass Leben in jeder Minute wertvoll ist und man den anderen ohne Vorurteil annehmen soll, dass Licht und Dunkelheit dicht nebeneinander liegen, so gibt es tiefsinnigere (Jugend-)Literatur, die das weitaus differenzierter transportiert und auf ohnmächtige Horrorszenarien verzichtet.

Wer psychologisches Gräuel mag, der wird Gefallen an “Bunker Diary” finden. Ganz sicher ist dieses Buch nicht für jede (sensible) jugendliche Seelen geeignet, nicht nur (!), weil es  den Leser ratlos zurück lässt. Ratlos mit der schlichten Frage: „Was will dieses Buch?“

Eine Geschichte, die sicher vom Autor gewünscht, provokant auf Diskussion aus ist. Und bestimmt wird man hier kontroverse Meinungen finden, unter Umständen sehen Jugendliche das Ganze aus einem anderen Blickwinkel. Kevin Brooks ist nach eigener Aussage auf diesen Roman besonders stolz, weil er über einen langen Zeitraum daran gearbeitet hat. Sein bester Roman ist er (für mich) aber nicht geworden…

Uwe-Michael Gutzschhahn hat dem psychischen Horror eine klare, reduzierte Sprache geschenkt, die ins Mark trifft.

Das Cover ist schlicht und perfekt.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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