Die letzte Reise – Janusz Korczak und seine Kinder

Die letzte Reise KLEIN

Irène Cohen-Janca

Maurizio A.C. Quarello

Aus dem Französischen von Edmund Jacoby

Jacoby & Stuart, Februar 2015

72 Seiten, € 16,95

ab 10 Jahren

 

Der polnische Arzt, Kinderbuchautor und Pädagoge Janusz Korczak wurde vor allem durch sein Engagement für Kinder bekannt. „Das Kind wird nicht ein Mensch, es ist bereits einer.” Mit diesem Satz hat er damals schon moderne pädagogische Ansichten vertreten und und verteidigt, die bis heute zu Einfluss nehmen auf den Blick und die Wahrnehmung unserer Kinder.

Über dreißig Jahre lang hat sich Janusz Korczak tausender Kinder angenommen. Sein von einer jüdischen Gesellschaft getragenes Waisenhaus „Dom Sierot“ in Warschau nahm arme jüdische aber auch nichtjüdische Kinder ohne Eltern bis zum 14. Lebensjahr auf – und war sein Lebensinhalt. Von den Kindern wurde er „Pan Doktor“, Herr Doktor, genannt – ein Doktor, der die armen Waisenkinder Warschaus beschützt und aufnimmt. Janusz Korczak erzählte den Kindern gerne Geschichten und Märchen, mit denen er ihnen Mut und Hoffnung für ein besseres Leben machte.

Er liebte Kinder nicht nur in einem besonderen Maße sondern nahm die Persönlichkeit der Kinder ernst und wichtig. Mit seinen, für diese Zeit bereits sehr modernden, pädagogischen Erfahrungen erfand er die „Kinderrepublik“ im Waisenhaus, die mit einem Parlament und zwanzig Abgeordneten über wichtige Angelegenheiten entschied, was auch ein Gericht umfasste, das sich mit Ungerechtigkeiten und Problemen der Kinder untereinander auseinandersetzte und gegebenenfalls auch verurteilte, was auch ein Urteil über Erwachsenen einschloss.

Am 29. September 1940 mussten alle das schöne große, weiße Heim in der Krochmalna-Straße 92 verlassen und ein neues Haus auf der anderen Seite Warschauer Ghetto beziehen. Als Korczak sich in seiner polnischen Offiziersuniform auf den Weg zum Palais Blank macht, um einen Wagen Kartoffeln zurückzuverlangen, den die deutschen Soldaten gestohlen hatten, kehrt er einen Monat später als gebrochener Mann zu seinen Kindern zurück. Die Zeit im Pawiak-Gefängnis hatte ihn so verändert, dass die Kinder ihn fast nicht wiedererkannten. Doch Janusz Korczak nimmt sich zusammen und gibt den Kindern weiterhin Kraft und Mut, auch wenn er insgeheim daran nicht mehr glaubt. Noch zweimal müssen die Kinder und ihre Betreuer umziehen, bevor sie ihre letzte, grausame Reise in den Tod antreten.

An einem heißen 5. August 1942 werden 192 Kinder und 10 Erwachsene durch laute Kommandos und schrille Pfiffen der deutschen Soldaten für den Marsch zum Umschlagplatz abkommandiert, von dem die Züge in das Todeslager Treblinka fahren.

“Doktor Janusz Korczak führt erhobenen Hauptes, den Blick in die Ferne gerichtet, an beiden Händen eines der Kinder”, die die letzte Reise seiner Schützlinge und Betreuer an.

Der bekannte Illustrator Maurizio A.C. Quarello  („Der Bus von Rosa Parks“) hat das Leben und die letzten Tage, die letzte Reise von Jansuz Korczak mit schwarz-weiß-Zeichnungen auf vergilbt anmutenden Hintergrund beeindruckend dargestellt. Die Zeit scheint an diesen Zeichnungen vorbei gegangen zu sein, doch sie hinterlassen eine melancholische, faszinierende Wirkung, die in unserer Gegenwart  bewegt. Es sind Kleinigkeiten und Details, wie die toten Fliegen auf dem Fensterbrett, Fußspuren im Schnee oder der am Stock gehende, zurückgekehrte Janusz Korczak, dem man genauso seine strahlende Lebensfreude inmitten seiner Kinder ansieht, die im Gedächtnis bleiben.

Am Ende des Buches gibt es eine aufklappbare Doppelseite mit dem Zug der Kinder, an der Spitze ihr Beschützer Korczak. Ein unendlich trauriger Marsch, macht man sich heute noch die Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Grausamkeit dieser letzten Reise bewusst.

Ein imposantes und empfehlenswertes Bilderbuch, das sich nicht an kleine Kinder richtet, aber Kinder ab Grundschulalter und Erwachsene eine Möglichkeit gibt, über einen besonderen Menschen und Stück Zeitgeschichte ins Gespräch zu kommen.

Der Text von Irène Cohen-Janca, aus dem Französischen übersetzt von Edmund Jacoby, ergänzt in kurzen, klaren und informativen Sätzen die in Erinnerung bleibenden Illustrationen.

Sabine Hoß

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