Drei kleine Wörter

3 kleine Wörter KLEIN

Sarah N. Harvey

dtv Reihe Hanser, April 2015

Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther

256 Seiten, € 11,99

ab 12 Jahren

 

 

Sarah N. Harvey hat bereits mit ihrem deutschen Debütroman „Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zufahren“ (dtv Reihe Hanser) erfolgreich gezeigt, wie gekonnt sie ungewöhnliche Familiensituation in eine spannende, authentische und ausgefallene Geschichte verpacken kann. In ihrem neuen Buch geht es wieder um eine Familiengeschichte, in der die Hauptfigur aber, entgegen allen gängigen Rahmen, behütet aufwächst. Sid, die 16-jährige Hauptfigur wurde mit zwei Jahren von Meg und Caleb aus dem Wasser gefischt, wo seine Hippie-Mutter auf einer alten Schaluppe lebte. Sie nahmen ihn als erstes Pflegekind auf, viele weitere sollten folgen. Sid hat kaum noch Erinnerungen an seine leibliche Mutter, nur der Duft von Marihuana ist die einzige Verbindung, die ihm geblieben ist. Bei Meg und Caleb, die auf einer kleinen Insel in der Nähe von Vancouver leben, fühlt sich Sid geborgen und wohl. Er ist ein Einzelgänger und hadert manchmal mehr oder weniger mit dieser Tatsache. Chloe, das Nachbarskind mit der er aufgewachsen ist, reißt ihn dann aus seiner Einsamkeit heraus. Mittlerweile fühlt sich Sid mehr zu ihr hingezogen als eine Kinderfreundschaft ausmacht, was ihn zusätzlich verwirrt. Sein großes Talent und Leidenschaft ist das Zeichnen. Hier kann er abschalten und sich neue Welten schaffen.

Als Meg und Caleb mit dem kleinen Mädchen Fariza ein neues, völlig verstörtes Pflegekind aufnehmen, das Schlimmes erlebt haben muss und kein Wort spricht, gelingt es Sid mit seinem Zeichnen und seiner Freundin Chloe mit sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen, dass das Mädchen ein klein wenig Vertrauen zu ihrer neuen Umgebung aufbaut.

Eines Tages taucht ein fremder Mann bei Meg und Caleb auf. Er stellt sich als Phil und letzter Freund von Devi bzw. Deborah, Sids Mutter vor. Er teilt ihnen und Sid mit, dass Deborah abgehauen ist und Sids 13-jährigen Halbbruder Wain alleine zurückgelassen hat, der ebenfalls verschwunden ist. Man hat vor Jahren bei der Mutter eine psychische Störung diagnostiziert und immer wieder hat sie die medikamentöse Therapien abgebrochen. Das hat wahrscheinlich zu dem erneuten Zusammenbruch und Verschwinden geführt. Phil, der sich auch als ehemaliger Freund von Deborah immer noch Sorgen macht, fragt Sid, was er jetzt tun will. Wird er ihm, seiner Großmutter Elizabeth auf der Suche nach seinem Halbbruder und Mutter helfen? Drei Menschen, die bis jetzt nie in seinem Leben aufgetaucht sind und er noch nie kennengelernt hat? Oder soll Sid sein bisheriges Leben mit der für ihn so wichtigen Ruhe und geregeltem Rhythmus so weiterleben?

Nach zunächst heftiger Abwehr siegt bei Sid die Neugier, diese Menschen, die ein Teil seiner biologischen Familie sind, kennenzulernen. Er begleitet Phil nach Victoria, um gemeinsam mit seiner Großmutter Elizabeth seinen Halbbruder und Mutter zu suchen. Sid ahnt nicht, welche Kraft ihn dieser Schritt kosten wird und nicht selten fragt er sich, warum er ihn überhaupt gegangen ist. Als er Wain findet, können die Halbbrüder nicht gegensätzlicher sein: Wain ist farbig, agressiv, laut und stämmig. Damit kommt der sanfte, blasse und rothaarige Sid erst einmal nicht zurecht. Doch er findet einen Weg, einen Weg zu sich selbst und lernt, sich zu behaupten und dabei seinem Bruder Halt zu geben. Die Begegnung mit seiner kranken und völlig kaputten Mutter ist für Sid schlimmer als er es sich vorgestellt hat. Nur die jung gebliebene Großmutter Elizabeth, die ihre Tochter irgendwann nicht mehr auffangen konnte, kann ihm in dieser Situation Unterstützung geben. Es ist noch ein langer Weg, bis sich die Brüder zusammenraufen und alle einen guten Weg finden, mit der neuen Familiensituation zu leben, ohne dass einer von ihnen einen zu hohen Preis zum Vorteil des anderen zahlen muss.

Die Krönung von allem scheint für alle, als die kleine Fariza beim Heimkehr-Abendessen sich mit den schönsten drei Worten grinsend bei Sid bedankt, nachdem er ihr zeigt, wie man einen Maiskolben richtig isst.

Mit Sid stellt Sarah N. Harvey einen einfühlsamen und sensiblen Teenager in den Focus, den man schnell als sympathischen Protagonisten ins Herz schließt. In einer unaufgeregten und klaren Sprache erzählt die Autorin von der Entwicklung eines geregelten Familienlebens, das plötzlich vor grundlegenden Veränderungen steht, allen voran Sid, der die Hauptentscheidungen hierzu treffen muss. Nachvollziehbar ist zunächst Sids heftige Abwehr genauso wie die siegende Neugier, sich doch dem unbekannten Teil seiner biologischen Familie zu nähern. Klug, ruhig und authentisch entwickelt sich die familiäre Situation wie auch Sids Persönlichkeit von einem unsicheren, introvertierten zu selbstsicheren, reiferen und einen Standpunkt treffen könnenden jungen Mann, der dabei  empathisch und vor allem authentisch bleibt.

Ulli und Herbert Günther haben die spannende, unterhaltsame Familiengeschichte in stimmig-ruhiger und einfühlsamer Sprache übertragen.

Das Cover passt ebenfalls zum Inhalt.

Auch mit ihrem zweiten Buch auf dem deutschen Markt hat die kanadische Autorin ihr erzählerisches Talent bei Familiengeschichten bewiesen.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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