Der Zopf

Laetitia Colombani

Aus dem Französischen von Claudia Marquardt

S. Fischer, März 2018

288 Seiten, € 20,00

 

 

 

 

Laetita Colombani, die bisher  als Schauspielerin und Regisseurin arbeitet, präsentiert mit „Der Zopf“ ihr Debüt als Autorin. Sie möchte mit ihrem Buch den Mut, Kraft und Entschlossenheit von Frauen hervorheben, was sie mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten auf verschiedenen Kontinenten beschreibt.

Da ist Smita, die in Indien als unberührbare und unreine Dalit in der untersten Kaste der Gesellschaft lebt. Ihr „Dharma“, das heißt ihre Aufgabe und Pflicht ist es, die Latrinen der Jats, der höheren Kaste, mit den Händen zu reinigen. „Scavenger“ werden diese Schmutzsammler auch genannt. Smita möchte, dass es ihrer kleine Tochter einmal besser geht und mit dem ersparten Geld ermöglicht sie ihr einen Schulbesuch im Dorf. Als die kleine Tochter aber von ihrem Lehrer gezwungen wird, den Klassenraum zu kehren, ist dieses Erlebnis für Smita der Auslöser, gegen den Willen ihres Mannes aus dem strengen gesellschaftlichen und religiösen System auszubrechen. Sie verlässt mit ihrer Tochter das Dorf Richtung nächst größerer Stadt, ohne zu wissen, was sie erwartet und wie sie ihr Vorhaben ohne ihren Mann schaffen will. Doch die Not und die Hoffnung für die Tochter, ihr ein besseres Leben zu ermöglichen, gibt ihr Kraft.

Guilia ist die Tochter des Firmenbesitzers einer der wenig übrig gebliebenen „Cascaturas“ in Sizilien, in denen Echthaar zu Perücken aufbereitet und verarbeitet wird. Als ihr Vater bei einem Unfall schwer verletzt wird und ins Koma fällt, muss sich Guilia um die Belange der Firma kümmern. Dabei stellt sie fest, dass diese sich kurz vor der Insolvenz befindet und keiner bisher davon etwas geahnt hat. Doch die junge Frau will die Firma retten und diese Aufgabe wird von ihrer Familie umso mehr erschwert, als dass die Mutter sie gerne mit einem jungen Mann aus dem Dorf verheiraten will, der in Guilia schon lange verliebt ist und Geld hat, aber Guilia nichts von ihm wissen will. Dafür lernt sie den jungen Inder Kamal kennen und die beiden verlieben sich. Guilia muss hart kämpfen, wenn sie die Firma ihres Vaters retten und sich selbst dabei nicht verlieren will.

Sarah ist eine durchorganisierte, alleinerziehende Frau, die sich nach zwei Ehen mit unnahbarer Härte zu einer sehr erfolgreichen Rechtsanwältin mit hervorragendem Ruf hochgearbeitet hat, auch wenn ihre kleinen Kinder und sie selbst dabei oft auf der Strecke geblieben sind. Als sie die Diagnose Krebs erhält, glaubt sie zunächst, so weitermachen zu können und zu müssen, wie bisher, um ihren erreichten Status zu halten. Doch es zeigt sich schnell, dass das nicht funktionieren wird. Sarah muss ihr Leben neu ordnen und andere Dinge werden plötzlich wichtig und rücken in den Vordergrund.

So unterschiedlich wie die Lebenswege- und Bereiche der Beschriebenen auch sind, alle drei Frauen stehen irgendwann in ihrem Leben an einem Wendepunkt, in der bestimmte Entscheidungen nicht nur ihr Leben sondern auch das von anderen verändern. Diese Entscheidungen sind eine Herausforderung, verlangen Mut, Kraft und Entschlossenheit.

Diese Unterschiedlichkeit der Figuren hat die Autorin mit einem ganz eigenen Tonus für jede Frau gut herausgearbeitet, wobei absehbar ist, wie die Handlungsstränge am Ende zu einem „Zopf“ verbunden werden. Die drei Frauen erzählen jede aus ihrer Perspektive in abwechselnden Kapiteln und Colombani versteht es gut, an manchen Kapitelenden sogenannte „Cliffhanger“ zu setzen, die den Leser natürlich am Buch und in der Geschichte lassen. Allerdings fällt die Erzählung um Guilia deutlich aus dem Rahmen. Ihre Geschichte ist allzu rührselig, gewürzt mit kitschig-blümeranten Beschreibungen von romantischen Szenen. Hinzu kommt die doch Klischee-behaftete Beschreibung der stur-tyrannischen sizilianischen Familie, die noch, vom als Retter in der Not eingesetzten Geliebten Kamal getoppt wird. Hier hat die Autorin Gefühl mit Kitsch ersetzt, was schade ist, denn dass Colombani es eigentlich besser kann, zeigt sie mit der Beschreibung der beiden anderen Frauen, wobei sich die Figur Smita mit einer Klarheit deutlich heraushebt.

Der Zopf ist sicher keine literarische Perle. Trotzdem ist das Debüt von Laetitia Colombani eine gut aufgebaute und spannende Geschichte, die sich unterhaltsam locker wegliest. Sie zeigt, dass Frauen an Wendepunkten in ihrem Leben mit Reflektion, Mut, Kraft und Entschlossenheit trotz Angst einen Neuanfang beginnen, scheinbar unmögliches umsetzen können und sich dabei nicht selbst verlieren – sondern sich manchmal erst recht dabei finden.

Das Cover fällt auf und passt perfekt.

Sabine Hoß

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