Der Gesang der Flusskrebse

Delia Owens

Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Hanser, Juli 2019

464 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

Zu Beginn der Geschichte wird die Leiche von Andrew Chase im Marschland gefunden. Andrew Chase ist ein Frauenheld, der Sunnyboy von Barkley Cove, der aus wohlhabendem Haus stammt. Für alle im Dorf ist klar, dass das „Marschmädchen“ ihn getötet hat, mit der Andrew viele Jahre lang ein Verhältnis hatte, was im Dorf fast alle hinter vorgehaltener Hand wussten. Mord aus Rache, da Andrew sie sitzen gelassen hatte, ist für die Bewohner ein klares Motiv, das Kya zur Anklage bringt.

1952 im Marschland von North Carolina. Hier lebt Kya mit ihren vier Geschwistern. Ihre Mutter stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Louisana, die aber aus Liebe und mit falschen Versprechungen ihrem Mann Henry Clark in das Sumpfland folgen musste. Der Vater leidet unter seinen Erlebnissen im zweiten Weltkrieg, als er gegen die Deutschen gekämpft hat. Diese Erlebnisse tobt er mit sehr viel Alkohol und brutaler Gewalt an seiner Frau und den Kindern aus, bis die Mutter seine Schläge nicht mehr aushält und von heute auf morgen geht. Sie lässt die sechsjährige Kya und den 12-jährigen Jodie  bei ihrem brutalen und trinkenden Vater zurück. Auch Jodie lässt Kya allein und gibt ihr noch den Ratschlag, sich in der Not vor ihrem Vater zu verstecken, so, wie er es ihr beigebracht hat.

Mit sechs Jahren ist Kya alleine auf sich gestellt und muss vor ihrem Vater auf der Hut sein, der selten, jedoch meist betrunken zuhause Stippvisiten macht, bis auch er eines Tages nicht mehr wiederkommt. Nur einen Tag lang geht sie in die Schule und betritt diese nie mehr wieder, da ihr nur Ablehnung, Hass und Hänseleien erfährt. Ablehnung und Tuscheleien erlebt Kya auch in dem kleinen Ort Barkley Cove, wohin sie mit dem Boot zum Einkaufen fahren muss und den Ort daher meidet. Die einzigen Menschen, die ihr helfen und sie unterstützen sind der farbige Jumpin, bei dem schon sein Vater Benzin für das Boot gekauft hat  und seine Frau Mabel. Die Natur und die Tierwelt des Marschlandes sind Kya näher als die Menschen und jeden Tag lernt sie die Fauna des Schwemmlandes intensiver kennen und wird eins mit ihr.

Durch einen Zufall lernt sie den goldblond gelockten Tate kennen, der früher mit ihrem Bruder Jodie geangelt hat. Behutsam nähert er sich dem Kya an und durch ihre beiderseitige Begeisterung und Faszination für die Natur des Marschlandes ist Tate der erste Mensch, zu dem sie langsam Vertrauen entwickelt. Er geleitet sie bei einem Unwetter durch das Labyrinth der Wasserstraßen, bringt ihr Lesen und Schreiben bei und hat keine Scham, Kya bei der ersten Menstruation beizustehen. Die beiden verlieben sich und obwohl Kya sexuelles Begehren fühlt, will Tate noch nicht mit ihr schlafen, sondern ihr Zeit lassen. Als Tate 1961 zu seinem Studium die Marsch verlässt, verspricht er Kya, sie in wenigen Wochen wieder zu besuchen. Doch aus vier Wochen werden Monate und Jahre und Kya fühlt sich von Tate verraten und hat erneut das Vertrauen in Menschen und Beziehungen verloren. Aber trotz aller Einsamkeit und Zurückgezogenheit sehnt sich die junge Frau auch nach einem normalen Leben, nach Liebe und sexuellen Begehren. Chase Andrew ist der Platzhirsch in Barkley Cove und ist fasziniert von der jungen, freien und wilden Schönheit Kyas.

Kya fühlt sich von dem sportlich-athletischen Chase angezogen und die beiden beginnen eine Affäre. Obwohl Chase verlobt ist, redet er von einer gemeinsamen Zukunft mit Kya, spricht von einem gemeinsamen Haus und Heirat. Durch einen Zufall entdeckt Kya die Heiratsanzeige in einer Zeitung und fühlt sich erneut verraten, ausgenutzt und ist wieder allein.

Parallel zu der bewegenden Entwicklungsgeschichte Kyas von Kindheit über Adoleszenz bis zum Erwachsenen wird in abwechselnden Kapiteln die Verhaftung und Gerichtsverhandlung Kyas beschrieben, was eine ungewöhnliche Liebesgeschichte und Krimi hervorragend miteinander verbindet. In einer atmosphärischen und bilderreichen Sprache (wunderbar übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann) wird das Marschland North Carolinas mit seiner einzigartigen Natur- und Tierwelt beschrieben, die eindringlich fasziniert. Mit lyrischen Gedichten unterstreicht Delia Owens die Einsamkeit ihrer beeindruckenden Protagonistin und rutscht dabei nur ganz selten in kitschige Szenen ab. Kya wird eine Frau, die trotz aller Einsamkeit – die ein Leben lang zu ihr gehören wird – und aller Widerstände gegen ihre Person, die lernt oder lernen muss, sich selbstbewusst durch das Leben zu setzen, dabei liebt, hasst und auch verzeiht. Obwohl sie nie eine Schule von innen gesehen hat, wird Kya unter ihrem richtigen Namen Catherine Danielle Clark eine erfolgreiche Autorin über die Tier- und Naturwelt des Marschlandes. Nicht zuletzt durch die Unterstützung von Tate, der ein ebenfalls erfolgreicher Wissenschaftler und Forscher des Marschlandes wurde.

Delia Owens hat einen packenden vielschichtigen Roman geschrieben, der sehr gekonnt eine tiefgründige Romanze mit einem spannenden Krimi und einer ebensolchen Gerichtsverhandlung vereint und sich dabei vor der facettenreichen Schönheit der Tier- und Pflanzenwelt des Sumpflandes von North Carolina verneigt, ohne dass man von diesen Beschreibungen gelangweilt oder erschlagen wird.                                                 Einsamkeit ist der rote Faden, der sich durch die Geschichte zieht, die selten verbunden mit Liebe und Natur so packend unterhalten hat.

Sabine Wagner

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