Elektrische Fische

Susan Kreller

Carlsen Verlag, 31.10.2019

192 Seiten, € 15,00

ab 12 Jahren

 

 

 

Die 1977 in Plauen geborene Susan Kreller,  die zu einer der besten deutschen Jugendbuchautorinnen von realistischen, sozialkritischen Themen zählt, wurde auf diesem Literaturportal bereits einige Male mit Besprechungen und Interview vorgestellt.

In der Vergangenheit wurde sie bereits dreimal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und hat ihn 2015 für ihren Jugendroman „Schneeriese“ gewonnen. Darüber hinaus hat Susan Kreller zahlreiche andere Auszeichnungen für Ihre Bücher erhalten, so beispielsweise 2013 das Kranichsteiner Literaturstipendium. 2017 erschien im Berlin Verlag ihr bislang erster Belletristik-Roman für Erwachsene, der von den Lesern mit hervorragenden Kritiken bedacht wurde.

Ihr aktuelles Jugendbuch „Elektrische Fische“ erhielt neben vielen positiven Besprechungen auch zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen, wie im Januar 2020 den „Luchs des Monats“, „Kröte des Monats“, „Leselotse“ und „das Jugendbuch des Monats“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, sowie den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 und den Friedrich-Gerstäcker-Preis 2020.

Diesem Roman wünsche ich auf jeden Fall die Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 – und ein wenig mehr…

Die 15-jährige Emma entführt uns nach Velgow, einem kleinen Dorf in Mecklenburg Vorpommern, in dem die Zeit irgendwann in der Vergangenheit ihren Stillstand gefunden hat. Weil ihre Mutter Heimweh hat und sie ohne ihren Mann und dem Vater ihrer gemeinsamen drei Kinder nicht mehr in einer kleinen Stadt in der Nähe von Dublin leben kann, zieht sie mit ihren Kindern, Emma, der achtjährigen Aoife und dem 17 Jahre alten Dara zu ihren Eltern in ihr Heimatdorf, in dem sie aufgewachsen ist.

Emma katapultiert mich sofort mit ihrer authentischen und nachvollziehbarer Ich-Erzählung in dieses miefige Kaff und ich fühle Seite für Seite ihre Verzweiflung und Sehnsucht nach Dublin und dem Unverständnis darüber, warum ihre Mutter sie und ihre Geschwister aus ihrer Heimat herausreißen musste. Obwohl Emma und ihre Geschwister in Dublin eine deutsche Schule besucht haben, „lebten sie im Heimweh der Mutter, vor allem in den letzten Jahren“, als ihr Vater nur noch selten und völlig betrunken nach Hause kam und das ohnehin wenige Geld in die Pubs brachte. Als er dann die Familie verließ, war für die Mutter klar, dass ihre Zukunft und die ihrer Kinder in Velgow ist. Doch weder die Großeltern, noch die anderen Menschen in diesem kleinen Dorf heißen die Neuankömmlinge willkommen, von „herzlich“ kann gar keine Rede. Trotz ihrer guten Deutschkenntnisse stoßen Emma, Aoife und Dara an Verständigungsgrenzen, die nicht nur sprachlich sind. Als sich die Kinder in der Schule über Aoifes Name lustig machen und sie „Affe“ nennen, beschließt Aoife aus Wut, Trotz und tiefer Traurigkeit mit dem Sprechen aufzuhören, als Ersatz dafür fließen immer wieder Tränen. Die Nachbarin der Großeltern, Regine Feldmann, besucht regelmäßig in ihrem immer gleichen Hausanzug Aoife und versucht mit ihr, „ins Gespräch“ zu kommen.

Dara, als gutaussehender, aufgeschlossener Mädchenschwarm, gelingt noch am leichtesten die „Integration“ zu den Einheimischen, auch wenn es selbst für ihn eine Herausforderung ist.

Emma lernt in der Schule den gleichaltrigen Levin kennen, der sich zunächst durchaus interessiert an ihr zeigt, sich aber auch sonderbar verhält. Ein Grund ist Levins Mutter, die psychisch krank ist und nur noch ein Schatten ihrer ehemals akademisch gebildeten Vergangenheit ist. Zunächst fürchtet sich Emma vor ihr, doch sie merkt, wie sehr Levin seine Mutter liebt und seine Familie sich kümmert. Emma und Levin scheinen wie zwei umher schwirrende Pole, die, jeder für sich, einen Halt und Anker suchen. Levins Mutter und Emmas Mutter kennen sich aus ihren Jugendtagen und erkennen sich heute doch kaum wieder. Trotzdem bemüht sich Emmas Mutter um eine Annäherung, so wie sich Levin immer intensiver um Emma kümmert.

Neben Levin sind die Ostsee, der Wind und Strand die Bindeglieder, die Emma helfen, ihre Heimat Dublin in den Hintergrund rücken zu lassen und sich dem neuen Zuhause Velgow zu nähern. Ausgerechnet Levins Mutter wird für Emma in einer lebensbedrohlichen Situation ein mit entscheidender Auslöser, sich dem neuen Lebensraum und den Menschen dort zu öffnen. Aber nicht nur Emma entwickelt sich in diesem Roman, auch Aoife und Dara verändern sich und finden ein Stück mehr zu sich und ihrem neuen Lebensplatz.

Susan Kreller gelingt es auch in diesem Jugendroman, einen ganz eigenen, passenden Ton und Schwingungen zu finden und die Gedanken und Gefühle der entwurzelten Emma empathisch und poetisch ausdrücken zu lassen. Ihre Sprache hat dabei eine Bandbreite von Melancholie bis hin zu einer messerscharfen Klarheit und Bissigkeit, bei der stets ein feiner Humor dahintersteckt. Zu der Sprachlosigkeit und den vielen offenen Fragen zwischen Emma und ihrer Mutter gibt es eine berührende und kammerspielartige Szene am Küchentisch in Velgow, in der die Mutter zugibt, dass auch sie sich manches anders für sich und ihren Kindern in ihrem Sehnsuchtsort vorgestellt hat.

Ein tiefgründiger, bemerkenswerter Roman nicht nur für Jugendliche über Heimatlosigkeit, Entwurzelung und dem Darüber hinweggehen der Erwachsenen über die Ängste und Sorgen der Kinder. Susan Kreller verpackt dieses kompakte und vielschichtige Thema mit ihrer ganz eigenen facettenreichen Stimme.

Das stimmige Cover rundet dieses wunderbare Buch perfekt ab.

Sabine Wagner

Ein Kurz-Interview mit der Autorin zu diesem Buch liest man hier:

 

 

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