Das Verschwinden der Erde

Julia Phillips

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Pociao und Roberto De Hollanda

dtv, 22. Januar 2021

376 Seiten, € 22,00

 

 

 

Bevor Julia Phillips, Jahrgang 1988, mit „Das Verschwinden der Erde“ ihr Roman-Debüt präsentiert, hat die in Brooklyn, New York lebende Autorin zahlreiche Erzählungen und Artikel in diversen Magazinen und Zeitschriften veröffentlicht, darunter z.B. „The New York Times“, „The Atlantic“ oder „The Moscow Times“.

Das auch in dem Genre Thriller eingeordnete Buch „Das Verschwinden der Erde“ stand 2019 auf der Shortlist für den National Book Award und erscheint mittlerweile in 25 Ländern. Übersetzt wurde der Roman aus dem Amerikanischen von Pociao und Roberto de Hollanda.

Ich war von der ersten Seite gefesselt von diesem Buch, was nicht oft passiert, denn der Roman beginnt mit der Entführung der beiden Schwestern Aljona und Sofija. Die beiden leben mit ihrer alleinerziehenden Mutter in Petropawlowsk-Kamtschatski, der Hauptstadt der russischen Vulkan-Halbinsel Kamtschatka. Es ist August und während ihre Mutter als Journalistin tagsüber unterwegs ist, vertreiben sich die beiden ihre Zeit am Strand. Sofija, sieben Jahre alt, liebt es, den erfundenen Geschichten ihrer älteren 11-jährigen Schwester Aljona, zuzuhören. Auf dem Nachhauseweg treffen sie auf einen scheinbar verwirrten und verletzten Mann und die beiden helfen ihm zu seinem Wagen. Als Dank will der Unbekannte die Schwestern nach Hause fahren, was sie unbedacht annehmen, eine Busfahrt nach Gorizont würde viel länger dauern als die kurze Autofahrt, und Aljona weiß, dass sie schon spät dran sind. Doch die beiden kommen nie Zuhause an.

Zwölf Monate lang, jedem Monat ist ein Kapitel gewidmet, verfolgt man die Suche nach den beiden Kindern, wobei im Laufe der Geschichte diese Suche mit einer weiteren nach einer vermissten jungen Frau ergänzt wird. In dem beschriebenen Jahr taucht man intensiv in verschiedenen Familienleben ein, in denen immer neue Frauen eine zentrale Rolle spielen, und die aus ihrer Perspektive, fast nebenbei, davon erzählen, wie sie sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Gewalt auseinandersetzen müssen. Formen von subtiler Gewalt, die ganz unterschwellig und doch so verletzend sein kann. Durch diese perspektivische Erzählweise ist man den einzelnen Figuren sehr nahe, die mit einer faszinierenden Tiefe ausgearbeitet sind.

Man fühlt sich als beobachtender Gast in den vier Familien, deren Leben abwechselnd mit anderen Einzelpersonen den Handlungsrahmen des Romans bilden. Dahinter immer ganz fein, die Suche nach den Kindern und die Frage, wie dieses Verbrechen passieren konnte und was wohl die Polizei bis jetzt (tatsächlich) gemacht hat. Eingebettet ist die Geschichte in die bilderreiche und mit einer starken Anziehungskraft beschriebenen Landschaft der russischen Vulkan-Halbinsel Kamtschatka, sowie den beiden zentralen Orten Petropawlowsk-Kamtschatski am Meer und Esso im Landesinneren. Man fühlt selbst im gut geheizten Wohnzimmer die eisige Kälte, die Berge von Schneemassen und das triste, graue Leben der russischen Bevölkerung, in der Alkohol eine Rolle spielt, aber nicht als Klischee bedient wird.

Vielen Leserinnen und Lesern dürfte Kamtschatka, das 9.000 km entfernt von Deutschland ist und zu Zeiten der Sowjetunion militärisches Sperrgebiet und nur zugänglich mit Sondererlaubnis des KGB war, nicht bekannt sein. Ende letzen Jahres wurde die Region, die auch zum Weltnaturerbe der Unesco gehört, bekannt durch die mysteriöse Meeresverschmutzung durch stinkendes Wasser und dem Sterben vieler Meerestiere.

Es geht in diesem Roman auch um den Stolz der Ureinwohner der Halbinsel sowie der Entwicklung bis zur Ausrottung der einzelnen Bevölkerungsgruppen der Ureinwohner der Ewenen, Tschuktschen, Korjaken oder Aleuten, aber auch Migration und Integration ist in diesem Kontext ein Thema.

Julia Phillips gelingt es ganz hervorragend, in den zwölf Kapiteln auf sehr fesselnde Weise verschiedene Familien und Personen zu verknüpfen und am Ende einzelne Personen zu einem Strang und einem klugen (halboffenen) Ende zu verbinden. Phillips Sprache (und wunderbare Übersetzung) zieht einen in den Bann, sie ist wuchtig, dann wieder sensibel und zart – so wie ihre Frauen, die mit ihrem Leben, der Bevormundung und dem Eingeengtsein versuchen zurechtzukommen.

Dass diese Geschichte nicht konstruiert wirkt, liegt sicher auch an der Tatsache, dass Julia Phillips 2011 durch ein Stipendium ein Jahr in der Hauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski gelebt hat, während dieser Zeit viel auf der Halbinsel gereist ist und mit zahlreichen Menschen gesprochen hat. 2015 reiste sie zwecks weiterer Recherchen erneut dorthin, diesmal wohnte sie in Esso und hatte im Gepäck den ersten Entwurf des vorliegenden Romans.

Ein sprachlich hervorragendes und hoch spannend aufgebauter Debüt-Roman (Thriller) einer jungen, talentierten Autorin mit einer außergewöhnlichen und gerade deswegen so faszinierenden Geschichte, die das Leben auf der sicher bisher für viele Leser unbekannten russischen Vulkan-Halbinsel für uns Europäer ungewöhnlich nah und lebendig macht.

Sabine Wagner

 

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