Journal

Carolin Emcke

S. Fischer Verlag, März 2021

272 Seiten, € 21,00

 

 

 

 

Vom 23. März 2020 bis 29. Mai 2020 hat die Publizistin, Journalistin, Kriegsreporterin und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels Carolin Emcke Tagebuch geschrieben, heute rückblickend zu Beginn der Corona-Pandemie. Das vorliegende Buch entstand aus der Kolumne in der Süddeutschen Zeitung, in der Carolin Emcke mit klarem Blick und analytischen Verstand schriftlich den Ausnahmezustand der auferlegten Zurückgezogenheit verarbeitet hat. Doch ihre Chroniken gehen weit über eine persönliche Innenschau hinaus. Sie ist mit vielen Freund*innen über den Erdball verstreut, auch in armen Ländern, befreundet und tauscht mit ihnen besorgt Nachrichten aus, wie es ihnen in unterschiedlichen Situationen in der Pandemie geht. In ihren Gedanken zum Tage beschreibt die Publizistin nicht nur den immer mehr mürbe machenden Ausnahmezustand der Einschränkungen, Isolation und der sich dadurch aufbauende Druck bei den Menschen, sondern sie setzt sich auch kritisch mit verschiedenen politischen und gesellschaftskritischen Themen auseinander, wie beispielsweise der Flüchtlingspolitik, den neuen nationalistischen Strömungen in Europa, die durch die Pandemie neue Nahrung finden, der zunehmenden häuslichen Gewalt, Rassismus und Homophobie. Dabei blickt Carolin Emcke auch auf die Veränderungen, die durch die Corona-Auflagen im Miteinander bei den Menschen entstehen, wie zum Beispiel die Veränderungen in der Sprache und der Kommunikationswege. Akzente setzt sie mit kleinen Einblicken in ihr persönliches Alltagslebens, in der sie mit der verordneten Zweisamkeit und der absoluten Entschleunigung kämpft. Dabei beschreibt sie auch die persönliche Sorge um die Gesundheit und das Wohlergehen von geliebten Menschen in ihrem Umfeld.

Am Beginn jeden Tages stellt die Carolin Emcke Zitate von Schriftstellern, Auszüge aus Theaterstücken, Liedern und ähnliches vorneweg, die gut ausgesucht die nachfolgenden Gedanken einleiten, wie die ersten drei Zeilen aus dem Gedicht „Die gestundete Zeit“ von Ingeborg Bachmann

„Es kommen härtere Tage.

Die auf Widerruf gestundete Zeit

wird sichtbar am Horizont.“

Im Postskriptum ab November 2020 blickt Carolin Emcke auf das Jahr zurück und schreibt voraussehend:

„Es ist noch nicht zu Ende. Nicht die Pandemie, nicht die ihr nachfolgenden Verheerungen. Nicht die existentiellen Nöte, die ökonomischen Verteilungskämpfe oder die psychischen Verunsicherungen. Jedes Aufatmen, jeder Rückblick kommt zu früh. Es kommen härtere Tage. (…)

Carolin Emcke hat nachdenklich machende und klug verfasste persönliche Chroniken in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen geschrieben, wobei es fast ein Jahr später nur sehr wenig Veränderung oder positive Entwicklung gibt.

Und ob es Fehleinschätzungen in ihren global umfassenden und weitsichtigen Überlegungen geben wird, ist fraglich und sei einmal dahingestellt.

„Wir werden später wissen, wie wir uns geirrt haben. Ein Journal wie dieses wird auch ein Journal der Fehleinschätzungen sein.“

Dieses Journal wird man auch in einer Zeit, wann immer die sein wird, nach dieser Pandemie immer wieder hervorholen, um sich dieses historischen Einschnittes mit Verlusten von nicht Aufschiebbarem und nicht Wiederbringbaren in Erinnerung zu rufen. Und vielleicht gibt es durch diese Pandemie mit all ihren Auflagen auch irgendwann und irgendwie positive Entwicklungen im Miteinander.

Sabine Wagner

 

 

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