Die Wildnis in mir

Gina Mayer

Thienemann, August 2011

336 Seiten, € 16,95

ab 12 Jahre

 

 

 

Inhalt:

Die junge 16-jährige Henrietta lebt mit ihrer Mutter Ende des 19. Jahhunderts in der Kohlstraße in Wuppertal. Der Vater ist schon früh an Krebs verstorben, die Mutter verdient den kargen Unterhalt als Näherin. Zur Unterstützung tritt Henrietta den ungeliebten Frondienst als Dienstmagd auf einem nahen Hof an. Da Henrietta weiß, dass ihr Vater für sie Schulgeld angespart hat, damit für sie die Ausbildung zur Lehrerin gesichert ist, versucht sie die Mutter zu überreden, dieses Geld zur Überbrückung zu nutzen, damit sie nicht auf den Hof arbeiten muss. Doch das Geld ist längst ausgegeben.
Henrietta versucht  mit der schändlichen Notlüge, dass der alte Knecht des Hofes sie unsittlich berührt hat, dieser Arbeit zu entkommen. Das ist für die Mutter Grund genug, dem Brief und der Bitte des noch unbekannten Missionars Immanuel Freudenreich nachzukommen, der sie bittet, nach Afrika zu kommen und ihn dort zu unterstützen, da seine Frau verstorben ist und er dringend eine Nachfolgerin sucht. Da die beiden Frauen in der Kohlstraße nicht viel hält, das Geld vorne und hinten nicht reicht, machen sie sich Anfang 1900 mit dem Schiff auf den Weg nach Swakopmund in Afrika. Statt der erhofften
positiven Veränderung und einer hoffnungsvollen Zukunft erwartet sie ein Kontinent mit ungewohntem Klima, völlig anderen Lebensumstände, die noch schlimmer sind als ihr ohnehin ärmliches Leben in Deutschland. Das Leben auf der maroden Missionsstation ist für Henrietta eine Qual, dem ihr Stiefvater behandelt sie unmündig und verbietet ihr jede Freiheit. Als ihre Mutter schon bald stirbt, hält es Henrietta nicht mehr aus. Sie will weg, doch wohin und wie? Petrus, ein junger Arbeiter auf der Missionsstation, hilft Henrietta bei ihrer Flucht nach Warmbad. Auf ihrer gefährlichen und beschwerlichen Reise verlieben sie sich, doch hat diese Liebe in diesem Land und unter den gegebenen Umständen eine Chance?

 

Rezension:

Gina Mayer hat sich auch bei ihrem neuen Roman wieder mutig ein ausgefallenes Stück Geschichte zum Thema genommen. Einen Einblick über die deutschen Pioniere, die Anfang des 19. Jahrhunderts unter anderem mit Missionarstationen Deutsch-Südwestafrika als Kolonie besetzt haben, gibt es in der Kinder- und Jugendliteratur nicht vielfältig. Bei Afrika denkt man sofort an rührselige Impressionen aus Filmen, die das Land meist nur aus einer kitschigen Sichtweise widerspiegeln. Dem ist die Autorin erfreulicherweise aus dem Weg gegangen, auch wenn das bei einigen Klischees nicht ganz gelungen ist. Die Geschichte ist zwar aus der Perspektive einer 16-jährigen im Jahr 1900, aber trotzdem in einer lebendigen, flüssigen Sprache geschrieben. Die Gedanken und Gefühle der Protagonistin entsprechen mehr der heutigen Jugend als einer historischen
Zeitgenossin, dadurch findet man sich aber auch mühelos in dieses Stück deutsch-afrikanischer Geschichte ein. Die Charaktere sind sorgfältig und liebevoll ausgearbeitet, so
dass man sehr schnell mit ihnen eins wird. Man versteht Henriettas Fliehen aus
dem kargen Leben in der Wuppertaler Kohlstraße, ihr Schwanken zwischen
hoffnungsvoller Zuversicht und naivem Erstaunen bei ihrer Ankunft in Deutsch-Südwestafrika; ihre tiefe Verzweiflung und dumpfe Trauer, als ihre Mutter schon sehr bald nach ihrer Ankunft auf der Missionsstation stirbt. Ihr einziger Ausweg aus der tyrannischen Herrschaft ihres Stiefvaters ist ein Ausbruch. Als Leser ist man eng bei der Protagonistin und begleitet sie gespannt auf ihrer langen und sehr beschwerlichen Flucht von Swakopmund nach Wupperthal. Henrietta wird dabei von Petrus unterstützt; ein Farbiger, der auf der Missionsstation des Stiefvaters als Ochsentreiber arbeitet. Zunächst versteckt er Henrietta bei seinem Nama-Stamm, wo sie sich allerdings nicht einfügen kann. Dies ist daher nur eine kurzfristige Lösung und damit realistisch dargestellt. Petrus
gibt sich am Anfang als „dummer“ farbiger Trottel aus, weil die Weißen ihn so haben wollen. Leider entspricht das einem typischen Schwarz-Weiß-Klischee. Wie die Tatsache, dass Petrus um eine höhere Bildung gekämpft hat, die er aber nur heimlich und unter ungünstigen Bedingungen erschlich. Als er dann mit seinem Wissen von der alten Missionsstation weggeschickt wird sich nun weder bei seinem Stamm wohlfühlt noch von den Weißen anerkannt wird, verfällt er aus Verzweiflung dem Alkohol. Nach einer wundersamen Läuterung erscheint er jetzt mit fließenden deutschen Sprachkenntnissen dem naiven jungen Mädchen als der Retter in der Not. Das die beiden sich dann auch noch ineinander verlieben, betont leider dieses konstruiert erscheinende Szenario. Das ist schade, denn man merkt der Geschichte eine intensive und genaue Recherche an, die auf schablonenhafte Entwürfe gut verzichten könnte. Was hervorragend gelungen ist, sind Afrikas Natur und Atmosphäre transparent zu machen: Man spürt die brennende Hitze,
fühlt den trockenen Staub und nimmt die unterschiedlichen Gerüche auf. Die wunderbaren Bilder von Licht und Sonne kann man sich hervorragend vorstellen – doch all die schönen bildhaften Beschreibungen ersetzen sicher nicht die realen Empfindungen. Für Henrietta gibt es nach vielen Mühen und Qualen ein gutes Ende, was zum Einen natürlich schön ist, sich zum Anderen vielleicht ein wenig zu einfach entwickelt.

Alles in allem ein interessanter Roman, der in erster Linie Mädchen bzw. junge Frauen ansprechen wird, und in bildlicher Sprache ein wichtiges Stück deutsch-afrikanischer Geschichte erzählt. Der sehr detailliert und liebevoll recherchierten Geschichte hätten die unnötigen Klischees und die doch sehr angepasste Liebesbeziehung sicher nicht gefehlt.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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