Katertag – Oder: Was sagt der Knopf bei Nacht?

Regina Dürig

Chicken House, Oktober 2011

112 Seiten, €  9,95

ab 14 Jahre

 

 

Inhalt:

Der Vater von Sasa und Nico liegt nach einem Unfall im Krankenhaus. Während Sasa und die Mutter versuchen, Nico zu einem Besuch zu überreden, weigert dieser sich standhaft. Eigentlich ist der Vater Nico nicht gleichgültig, doch im Moment weiß er überhaupt nicht, wie er mit der Situation umgehen soll. Es ist zu viel passiert in den vergangenen Wochen, Monaten, in denen sich der bekannte Papa in eine unbekannte und unheimliche Gestalt verwandelt hat, dem die Kinder den Namen „Eunk“ gegeben haben. Unberechenbar ist der Vater geworden, seitdem er seine Arbeitsstelle verloren und angefangen hat zu trinken. Nach einer schlimmen Zeit war er wieder auf einem guten neuen Weg und trotzdem erneut abgerutscht. Eigentlich wollte der Vater mit dem Wochenende im Disneyland ein Zeichen setzen, dass es ihm wirklich ernst ist, mit dem Trinken aufzuhören. Der Ausflug endete jedoch in einer Katastrophe. Früher hat Nico seinen Eltern immer kleine Briefchen geschrieben, wenn er etwas angestellt hatte und das auf diese Weise beichten wollte. Jetzt beginnt er einen Brief, der nur an seinen Vater gerichtet ist. Obwohl Nico Angst hat, dass der Vater ihn tatsächlich liest, weil er einen erneuten Rückfall befürchtet, will er auch den Vater mit seinen Handlungen und Folgen konfrontieren.

 

Rezension:

Es müssen nicht immer seitenstarke Bücher sein, die bewegen, spannend sind, unter die Haut gehen. Das zeigt die junge Autorin Regina Dürig auf schonungslose und sehr berührende Weise mit ihrem Debütroman. Als Stilmittel hat sie den Brief gewählt, der für Nico die nötige Distanz zu seinem Vater wahrt, ihm aber gleichzeitig die Möglichkeit gibt, ganz offen und direkt seine Meinung auszudrücken. Der Monolog zieht einen von Beginn an in den Bann und baut gleichzeitig die Spannung von Seite zu Seite auf. Die Handlung zerfasert sich nicht, sondern bleibt bei seinem Rückblick in die Zeit, als es noch ein normales Familienleben gab. Bis zu dem Tage, als der Vater nach einem folgenschweren Unfall im Krankenhaus liegt. In diesem Brief mutet der Sohn seinem Vater einiges zu. Nico schreibt sich ganz unverblümt seine Ängste, Wut, Hoffnung und Verzweiflung von der Seele, die ihn, seine Mutter und seine zwei Jahre jüngere Schwester in der Zeit begleitet haben, als sich ihr Vater vom Papa zum „Eunk“ verändert hat, „einem Ding, das zum Leben dazugehört, mit dem man aber eigentlich nichts weiter zu tun hat oder haben will.“ Mit dem Schreiben erhält Nico die Möglichkeit, sich aus einer verletzten Handlungsunfähigkeit und einer Unterdrückung zu befreien. Es ist absolut keine rührselige Geschichte, dafür sind Nicos Gedanken zu klar und manchmal auch regelrecht hart, aber immer nachvollziehbar. Da ist die Hoffnung, als der Vater für eine Zeit keinen Tropfen angerührt hat und die Familie glaubt, wieder in das alte Leben zurückzukehren. Die tiefe Verzweiflung, als er erneut  rückfällig wird, und trotz aller Versprechen immer wieder. Als der Vater seinen Job verliert, schämt er sich und geht nicht zum Arbeitsamt. Als seine Frau relativ schnell in ihrem alten Beruf wieder arbeiten kann und das auch gerne tut, rutscht der bisherige Familienernährer noch tiefer in die Depression und(Eifer-)Sucht. Bis zum Schluss ist sich Nico nicht sicher, ob es gut ist, wenn der Vater diesen Brief liest. Er hat Angst, ihn damit zu überfordern. Vielleicht glaubt der Vater ihm dieses ganze Chaos nicht, das er angerichtet hat. Und trotzdem schickt er ihn ab, weil er die Hoffnung hat, dass doch irgendetwas beim „Eunk“ ankommt. Nico erhält tatsächlich eine Antwort von seinem Vater, der sich nach dem Unfall in eine Entziehungskur begeben hat. Auch
diese Reaktion ist nicht sentimental oder auf die Tränendrüse drückend, um Verständnis bittend. Die Antwort zeigt ebenfalls die Hilflosigkeit des Vaters über das Wegleiten seiner alten Persönlichkeit und der Fassungslosigkeit und Scham über seine wahnsinnigen Handlungen in der Zeit seiner Alkoholsucht. Das Buch zeigt, wie wichtig ein familiärer Zusammenhalt ist, auch wenn man glaubt, dass nichts mehr geht. Natürlich ist es wichtig, ein Exempel zu setzen, eine klare Grenze zu ziehen und dem Süchtigen zu zeigen, wenn Du uns als Familie behalten willst, musst DU dich verändern. Der feste Zusammenhalt der Familie kann diesen Schritt nur stärken. Die Autorin hat in diesem kleinen, schmalen Band das in unserer Gesellschaft oft unter den Tisch gekehrte Krankheit der Alkoholsucht mit seinen gravierenden Folgen für Kinder und Familie mutig thematisiert. Es ist ihr gelungen, das brisante Thema klar, direkt und unsentimental aus dem Blickwinkel eines Jugendliche wiederzugeben. Das Buch zeigt eindringlich, was Abhängigkeit, Macht, Kontrollverlust, aber auch Freiheit und Familienzusammenhalt bedeutet.

Ein rundum überzeugendes Debüt der jungen Autorin und man darf auf weitere Bücher von Regina Dürig gespannt sein.

Das Buch gewann im Dezember 2010 den Schreibwettbewerb von Chicken House und der F.A.Z. „Der Goldene Pick“ und im Februar wurde es mit dem „Literaturpreis Wartholz“ ausgezeichnet.

Bewertung:

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