Die statistische Wahrscheinlichkeit von Liebe auf den ersten Blick

Jennifer E. Smith

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

Carlsen, Februar 2012

224 Seiten, €16,90

ab 14 Jahre

 

Inhalt:

Hadley, 17 Jahre,  lebt mit ihrer Mutter in New York. Als ihr Vater vor einiger Zeit nach Oxford ging, um vorübergehend als Literaturprofessor zu arbeiten, verliebt er sich dort neu und kehrt nicht mehr in die USA zurück. In New York bleiben eine verletzte Ehefrau und eine Tochter, die sich von ihrem Vater im Stich gelassen fühlt. Jetzt will er ein zweites Mal heiraten und Hadley soll zu diesem Anlass für ein Wochenende nach England fliegen, worüber sie alles andere als begeistert ist. Ihre Mutter überredet sie trotz allem die Hochzeit zu besuchen, denn sie könnte eines Tages bereuen, nicht dabei gewesen zu sein. Doch die Reise beginnt mit Hindernissen, denn Hadley verpasst um vier Minuten ihren Flieger und muss nun einige Stunden auf den nächsten Flug warten. Durch einen Zufall lernt sie Oliver kennen, einen jungen Mann, der nicht nur wie sie das gleiche Ziel hat, sondern den sie auch auf eine faszinierende Weise sympathisch findet, was auf Gegenseitigkeit beruht. Oliver entdeckt den Roman „Unser gemeinsamer Freund“ von Charles Dickens, der Hadley aus der Tasche gefallen ist. Eigentlich verbindet dieser Autor sie mit ihrem Vater auf eine besondere Weise und gerade deswegen hat er Hadley dieses Buch geschenkt, bevor er Amerika verlassen hat. Doch genau aus diesem Grund hat sie sich bisher gegen dieses Buch gesperrt, wie auch vor vielen anderen Sachen, die in Beziehung mit ihrem Vater stehen. Während des gemeinsamen Fluges haben Oliver und Hadley sieben Stunden Zeit, sich über viele und ganz persönliche Dinge zu unterhalten. Als sie in London landen, trennen sich ihre Wege, doch Hadley kann Oliver nicht vergessen. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten verabschiedetet sie sich kurzerhand, um ihn zu suchen. Nach einer Irrfahrt durch London findet sie Oliver, doch plötzlich ist sie nicht mehr sicher, ob die verwirrende, tiefe Zuneigung für ihn, die sich in der kurzen Zeit entwickelt hat, wirklich echt ist und auch erwidert wird. Als sie wieder auf der Hochzeit ihres Vaters zurückkehrt und durch Übermüdung und einem Gefühlschaos zusammenbricht, fängt ihr Vater sie wie früher auf. Tief in ihrem Innern glaubt Hadley nicht, sich so in ihren Empfindungen geirrt zu haben.

Rezension:

Der Titel weist bereits auf eine Liebesgeschichte hin, die meist in sentimentalen Kitsch abdriften, was nicht jedermanns Sache ist. Natürlich ist auch dieser Roman gefühlvoll, sonst wäre er kein Liebesroman. Dennoch gleitet er nicht in schmalziger Rührseligkeit ab sondern bleibt bis zum Schluss mit beiden Beinen auf dem Boden. Als Hadley sich von New York nach London zur  zweiten Hochzeit ihres Vaters begibt, ist sie tief verletzt und enttäuscht von ihrem Vater. Er hat ihre Familie auseinandergerissen, ihr bisher behütetes und glückliches Leben und das ihrer Mutter innerhalb weniger Monate während seiner Abwesenheit zerstört. Sie will nicht sehen, dass es sicher schon lange vorher Probleme und ein Auseinanderleben ihrer Eltern gegeben hat. Hadley hat nicht vor, die neue Frau ihres Vaters , die sie noch nie zuvor kennengelernt  hat, nett zu finden, geschweige denn diese neue Ehe zu akzeptieren. Als sie Oliver kennenlernt schafft er es, sie mit seiner entwaffnenden, ironischen und süffisanten Art aus der Reserve zu locken, ja er kann sie sogar von ihrer Klaustrophobie in dem engen Flugzeug ablenken. Während des langen Fluges von New York nach London haben beide Zeit, mit Rückblenden Vergangenes zu reflektieren. Diese gelungene Mischung von Erinnerungen aus der Vergangenheit in Verbindung mit gegenwärtigen Empfindungen lassen die beiden Protagonisten immer näher und tiefer kennen- und schätzen lernen. Während Hadley zunächst noch etwas störrisch und moralinsauer erscheint, entwickelt sie durch die Gespräche mit Oliver eine neue Sichtweise und beginnt sich zu öffnen. Doch auch Oliver merkt, dass Hadley ihm mehr als gut tut und zum ersten Mal findet er den Mut über seine angespannte Beziehung zu seinem verstorbenen Vater und der schwierigen Familiensituation nachzudenken. Als Hadley von der Hochzeitsfeier ausreißt, um Oliver quer durch London zu suchen, kehrt sie frustriert und völlig überfordert zu ihrem Vater zurück, der sie mit einem Ritual aus Kindertagen auffängt. Das könnte eigentlich kitschig wirken, tut es aber nicht, weil es trotz Sensibilität  mit dem nötigen Abstand beschrieben wird. Hadleys Vater hat als Literaturprofessor seine Liebe zu Bücher erfolgreich an seine Tochter weitergegeben und  Charles Dickens ist ihr gemeinsamer Verbündeter. So ist es nicht überraschend, dass er Hadley vor seinem Abschied von New York den Roman „Unser gemeinsamer Freund“ schenkt. Nachdem Oliver dieses Buch bei Hadley entdeckt und darüber mit ihr ins Gespräch kommt, verbindet es nun auch sie. Der zitierte Satz aus diesem Buch „Ist es besser, etwas Gutes besessen und verloren oder es niemals besessen zu haben?“ trifft den Kern und die Atmosphäre dieser ganz und gar nicht kitschigen aber wunderbar warmherzigen Liebesgeschichte wieder.

Eine vielschichtige Romanze, die auf dem Boden der Tatsache bleibt, nicht zuletzt auch, weil sie einen der glücklichsten Momente im Leben, eine Hochzeit, und den wohl traurigsten Moment, eine Beerdigung, ohne Kitsch aber mit Feinfühligkeit verbindet.

Sabine Hoß

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