Meine Freundin Mia

Peter Pohl

Aus dem Schwedischen von Brigitta Kicherer

Hanser, Februar 2012

144 Seiten, €  12,90

ab 10 Jahre

 

 

Inhalt:

Lena lebt mit ihrem kleinen Bruder Ole und ihrer Mutter in einer kleinen, schäbigen Wohnung. Ihren Vater kennt sie nicht, der Vater von Ole verschwand, als dieser sich ankündigte. Lenas Mutter ist Alkoholikerin und schläft meistens. Lena muss einkaufen, ihren Bruder zur Vorschule bringen und wieder abholen und übernimmt die Aufgaben, die eigentlich in der Verantwortung der Mutter liegen. Daher ist es nicht verwunderlich, das sie manchmal zu spät zur Schule kommt und unaufmerksam ist. Niemals darf Lena ihren Wohnungsschlüssel vergessen, denn die Mutter ist sehr misstrauisch und öffnet niemandem die Türe. Obwohl Lena vernachlässigt wird, ist sie sehr diszipliniert und versucht alles, so gut wie möglich zu machen, damit nach außen keiner Verdacht schöpft, wie es zu Hause wirklich ist. Lenas beste Freundin ist Mia, sie fragt nicht viel und die beiden verstehen sich auch ohne viele Worte. Mia hat meist gute Laune, heitert Lena auf und weiß immer das richtige Wort zur rechten Zeit. Als Lenas Mutter eines Abends einen Freund zu Besuch bekommt, der nach ausgiebigem Alkoholgenuss zudringlich wird, muss das Mädchen mitten in der Nacht aus der Wohnung flüchten. Sie klingelt bei Mia und darf bei ihr übernachten. In dieser Nacht stellt Lena fest, dass auch Mia ihr bisher eine Familienwelt vorgegaukelt hat, die es so gar nicht gibt. Die Mädchen müssen sich ihren Lügen stellen und zum ersten Mal reden sie offen und ehrlich über ihr bisher gehütetes Geheimnis.

Rezension:

Bereits auf den ersten Seiten zeigt uns die Erzählerin Lena, in welcher Atmosphäre sie und ihr kleiner Bruder zu Hause leben: Niemals darf Lena den Haustürschlüssel vergessen, denn die Mutter öffnet grundsätzlich nicht die Türe, weil „ja wer weiß wer davor stehen könnte“. Vergisst die Tochter diesen doch einmal, wird das mit brutaler Gewalt bestraft. Peter Pohl ist nicht zimperlich mit der schonungslosen Darstellung der Mutter, die meistens alkoholumnebelt schläft und in seltenen nüchternen Momenten das schlechte Gewissen plagt oder Lenas Kritik über ihr Verhalten brüsk abweist. In tief bewegender Weise erleben wir ein 11-jähriges Mädchen, die sich für ihre Mutter schämt und immer wieder darauf hofft, auch einmal eine Mutter zu haben, die sich sorgt und kümmert. Lena übernimmt mit großem Verantwortungsgefühl viele Aufgaben und Pflichten, die eigentlich in der Verantwortung der Mutter liegen. Dabei verstrickt sie sich in Lügengeschichten, damit weder ihre Klassenkameraden noch die Lehrer Verdacht schöpfen, wie es wirklich zu Hause aussieht. Lena schwankt zwischen Stärke, Hoffnung und Mutlosigkeit und ihre Überforderung zeigt sich in einer bewegenden Hilflosigkeit, die durch die Macht der Erwachsenen erzeugt wird. Der Autor hält uns das Spiegelbild einer Gesellschaft vor, die unsensibel und oberflächlich mit Kindern umgeht und nur dass sieht, was sie sehen will und keine besonderen Anstrengungen erfordert. Die Beziehung zwischen Lena und Mia ist zunächst von beiden Seiten auf Lügen aufgebaut. Dieses Konstrukt hält solange, bis eins der Mädchen die andere zu Hause aufsucht und die Wirklichkeit offenbart wird. Lena und Mia verschweigen beide die Realität, trotzdem ahnt die aufmerksame Mia mit dem unausgesprochenen von Lena, dass sie nicht die Wahrheit sagt. Weil beide Mädchen mit der Alkoholsucht ihrer Eltern leben müssen, haben sie Verständnis für die Lügen der anderen und können nun zum ersten Mal ehrlich zueinander sein. Ihre bisherige Freundschaft wird auf die Probe gestellt und muss sich bewähren. Sie bekommt in dieser Nacht einen ganz neuen und besonderen Wert und wird erst jetzt zu einer richtigen, echten Freundschaft, die beide stützt und auffängt. Diese Freundschaft wird die dramatischen Umstände im Elternhaus nicht verändern können, aber sie macht sie erträglich.

Peter Pohl ist kein Kinderbuchautor, der heiteres oder leichte Kost serviert, sondern realistische und problematische Themen angeht. Mit tiefer Empathie seziert er aus Kindersicht die belasteten Seelen und zeigt mit rigoroser und mitleidloser Klarheit die Macht und Unfähigkeit der Erwachsenen. Obwohl die Geschichte im Grunde traurig und schwer ist, gibt der Autor mit der großen Kraft einer wahren Freundschaft ein kleines Stück Zuversicht und Hoffnung.

Ein dünnes Buch mit knapp 140 Seiten, aber eine Geschichte, die einfühlsam berührt ohne rührselig zu sein und durch die sprachliche Tiefe beeindruckend nachhallt. Ein Buch, dass manchen 10-jährigen überfordern könnte aber auch eins, dass eine Bereicherung für die oft angestaubte Schullektüre sein kann.

Diese sprachliche Intensität ist auch der hervorragenden Übersetzung von Brigitta Kicherer zu verdanken, die den Tonus von Peter Pohl hervorragend übertragen hat.

Das Cover ist ruhig und nett aber zu allgemeingültig, um einen direkten Bezug zur Geschichte zu zeigen.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit dem Autor findet Ihr hier:

 

 

 

 

 

 

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