Blutsverdacht

Marie-Aude Murail

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel

Fischer Schatzinsel, August 2012

254 Seiten, € 13,99

ab 13 Jahre

 

 

Inhalt:

Die 14-jährige Ruth und ihre gleichaltrige Schulfreundin Deborah vertreiben sich einen verregneten schulfreien Nachmittag mit dem Anschauen alter Familienfotos. Als Ruth in einer alten und versteckten Schachtel ein Klassenfoto ihrer Eltern entdeckt, sind die beiden Mädchen verwirrt. Auf dem Foto sind ihre Mutter Marie-Eve und ihre Zwillingsschwester, Eve-Marie, aber auch ihr Vater, der offensichtlich nicht die Hand ihrer Mutter hält, sondern die ihrer Tante. Doch außer ihren Vater kann sie keinen befragen, ob das eine zufällige Verwechslung ist oder mehr dahinter steckt, denn beide Frauen sind tot. Ihre Tante Eve-Marie ist in der Charente ertrunken und ihre Mutter ist vor drei Jahren plötzlich an einem Herzaneurysmariss gestorben. Für Ruths Vater Martin war das die zweite Katastrophe in seinem Leben. Als Arzt konnte er seiner Frau nicht helfen und bei dem mysteriösen Tod ihrer Schwester vor zwanzig Jahren galt er als Hauptverdächtiger. Jetzt muss er sich alleine um Ruth und ihre fünfjährige Schwester Bathseba kümmern. Ruths Freundin Deborah kommt auf die folgenreiche Idee, unter einer gefakten E-Mailadresse ihres Vaters das Klassenfoto auf der Seite „aus-den-augen-verloren.com“ zu veröffentlichen, mit der Bitte, man möge sich doch melden, wenn man sich auf dem Foto wiedererkennt. Keine der beiden Mädchen ahnt, welchen Stein sie damit ins Rollen bringen, denn die Vergangenheit ruht nicht. Die einen glauben immer noch an Martins Schuld am Tod von Eve-Marie, andere fühlen nur Hass und Neid für diesen Mann. Wie hängt das Schicksal der beiden Schwestern zusammen, welche Rolle spielt Ruths Vater in diesen Verstrickungen? Durch eine harmlose Suchanzeige holt Ruth die Vergangenheit in die Gegenwart zurück, die für sie und ihre kleine Schwester gefährlich wird.

Rezension:

Nun hat auch Marie-Aude Murail den Schreibweg zu einem Thriller gefunden. Einem Genre, dass neben den zahllosen dystopischen Untergangsszenarien zur Zeit auf dem Jugendbuchsektor absolut angesagt ist. Doch nicht jeder Autor, der sonst mit anderen Themen erfolgreich ist, schreibt auch spannende, überzeugende Krimis, pardon, Thriller. So war ich gespannt, wie das Krimi-Debüt der französischen Autorin ausfallen wird, die eigentlich für ihre ausgezeichneten, sozial- und gesellschaftskritischen Familienromane, mit ihrem ganz eigenen Humor und ihrer speziellen Sichtweise bekannt ist.

Es dauert ein wenig, bis ich mich auf die doch etwas konstruiert erscheinende Grundhandlung einlassen konnte und die beiden ziemlich verwechselbare Namen der Zwillingsschwestern wie Eve-Marie und Marie-Eve sortiert hatte. Wenn man es dann auch nicht übertrieben seltsam findet, dass ausgerechnet beide Schwestern ein tragischer und mysteriöser Tod verbindet und Ruths Vater eine geheimnisvolle Rolle zwischen den beiden gespielt hat, wird man in eine hochspannende Geschichte hineingezogen.

Murail stellt die Charaktere geschickt gegenüber, lässt ihnen Raum zum entfalten ohne sich zu zerfransen. Bis zum Schluss behält sie mit ihren überraschenden Wendungen immer den roten Faden im Auge. Die etwas künstlich anmutende und trotzdem packende Handlung bleibt bis zum Ende rätselhaft und hoch spannend, was sicher neben den aufregenden Verkettungen auch an dem temporeichen Schreibstil liegt. Die Sprache ist wiederum ganz Murail: Knapp, treffend, nicht zuviel und dennoch genug, um in die lebendigen Charaktere und Handlung hineinzutauchen.

Immer mehr werden in Netzwerken, vor allem von Jugendlichen, mehr oder weniger gedankenlos, sehr persönliche Daten und Informationen veröffentlicht. Zu welchen Folgen das führt und welche Nebeneffekte sich daraus ergeben, auch das hat die Autorin interessant in ihrem Thriller eingebaut.

Mit diesem Thriller zeigt Marie-Aude Murail ihre überzeugende Vielfaltigkeit, die sie bereits mit der fiktiven Biographie „Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler“ (Fischer Schatzinsel, 2011/2012) präsentiert hat.

Eine besondere Anerkennung für die gelungene Übersetzung im Murail-Ton an Tobias Scheffel!

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit der Autorin findet Ihr hier:

 

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