Dilip und der Urknall – und was danach bei uns geschah

Salah Naoura

Dressler, August 2012

176 Seiten, € 12,95

ab 8 Jahre

 

 

Inhalt:

Der 9-jährige Anton hat es nicht leicht: Sein Vater wünscht sich einen Mathegenie in ein einem begnadeten Fussballer, was Anton aber in keiner Hinsicht erfüllt. Weder kann er etwas mit der Welt der Zahlen anfangen, noch ist er ein großer Fußballstürmer. Viel lieber  berichtigt er Märchen, in dem er seine neue Version und Fortsetzung auf einem alten Kassettenrecorder aufnimmt oder in Hefte niederschreibt. Als sich die Eltern entschließen, ein Kind zu adoptieren, schließlich wäre das auch der einfachste Weg, einen optimalen Fußballer ins Haus auszusuchen, wird Anton nicht groß gefragt. So kommt der gebürtige Inder Dilip als neuer Zugang und Hoffnungsträger für Fußball und Mathe in eine ziemlich verrückte Familie. Zunächst spricht Dilip kein einziges Wort und Antons Vater fragt sich schon, ob er ihn nicht umtauschen kann, denn Dilip interessiert sich überhaupt nicht für den brandneuen Fußball in seinem Zimmer. Doch als Anton eine selbst ausgedachte und scheinbar unlösbare Matheaufgabe erzählt, überrascht Dilip alle, nicht nur mit seiner Sprachkunst sondern auch mit seinen mathematischen und wissenschaftlichen Kenntnissen. Dilips Wissen und sein Wissensdurst stellt die ganze Familie vor Herausforderungen und krempelt das ganze bisherige Leben gründlich um. Es stellt sich nämlich heraus, dass Dilip auf den naturwissenschaftlichem Gebieten hochbegabt ist und entsprechend gefördert werden muss. Selbst der Vater, als Familienoberhaupt Kenner und Könner auf (fast) allen Gebieten, stößt an seine Grenzen. Dilip schafft mit Charme und Leichtigkeit, alles bisherige auf den Kopf und in Frage zu stellen, wovon jeder in der Familie profitiert.

Rezension:

Man mag Salah Naoura verzeihen, dass die Adoption des kleinen Inder Dilip so schnell und reibungslos verläuft, als würde man in einen Supermarkt reingehen, um einen Apfel zu kaufen. Seine Familiengeschichten, wie auch das zum Jugendliteraturpreis 2012 nominierte Kinderbuch „Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums“ (Beltz & Gelberg), sind eine wunderbare Mischung aus warmherziger Verrücktheit und feiner Fantasie, denen man eine solche verkürzte Vereinfachung eines hoch komplizierten Vorgangs wie der einer Adoption gerne nachsieht. Dafür hat der Autor den Mut, durchaus unangenehme und trotzdem (leider) realistische Verhaltensweisen von Eltern treffsicher beobachtet zu beschreiben. Anton hat es wahrlich nicht leicht bei seinem Vater, der als Mathe-Ass und erfolgreicher Banker ihm immer wieder seine Wunschvorstellungen von einem perfekten Sohn vorhält, was für Anton demütigend und verletzend ist. Er flüchtet in seine Traumwelt der Märchen und berichtigt sie mit vielfältiger Phantasie. Doch das wird von seinem Vater nur belächelt, Antons wahre Talente werden von ihm nicht wahrgenommen. Antons Mutter bemüht sich zu vermitteln, sie stößt aber schnell an ihre Grenzen und kann sich auch nicht wirklich gegen ihren Mann durchsetzen. Ein Bild, das es sicher in nicht wenigen Familien so oder zumindest so ähnlich geben wird. Der wie Anton gleichaltrige 9-jährige Dilip wirft diese Aufstellung komplett um, wenn er versucht, hochwissenschaftliche, naturwissenschaftliche Phänomene zu erklären. Manchmal bekommt er das so hin, dass seine Familie ihn versteht, und manchmal auch nicht. Hier muss selbst der Vater passen, denn Dilip ist ihm haushoch überlegen. Eigentlich wären diese so grundverschiedenen Interessen für Anton und Dilip Grund genug, sich aus dem Weg zu gehen und nicht zu verstehen. Doch genau das Gegenteil tritt ein, denn Dilip findet Antons Märchenberichtigungen sehr interessant  und macht sich nicht lustig über ihn. Da ist Anton sogar bereit, seinen heißgeliebten Opa mit ihm zu teilen. Bei diesen Treffen erzählt Dilip dann auch von seinen Erinnerungen an Indien, von seiner Kultur, die auch Anton neugierig macht. Der Affengott Hanuman verbindet die beiden, den diese Affen sind in Indien heilig und dürfen daher machen, was sie wollen. Die absolute Freiheit, die sich jeder wünscht. Auch Anton. Und statt Märchenberichtigungen widmet sich Anton nun zum ersten Mal wissenschaftlichen Recherchen, die wiederum Dilip toll findet. Den Bogen zu dem ungerechten Verhalten vom Vater gegenüber Anton findet Sala  Naoura indem er im Laufe der Geschichte die angeblichen Stärken des, ach so erfolgreichen, Bankers und Mathegenies ins Gegenteil vorführt, ohne ihn jedoch dabei lächerlich zu machen. Der Vater muss einsehen, dass jeder von heute auf morgen auf der Verliererseite stehen kann und das Vorgeben falscher Tatsachen noch nie lange und gut gehalten hat. Das verpackt Naoura mit Witz und Wärme, so dass Kinder es verstehen und die Erwachsenen nicht bloßgestellt werden.

Eine komische und etwas verrückte Familiengeschichte, in der  Dilip mit seinem hochbegabten Wissen unbewusst so manches ins rechte Licht rückt. Doch es ist gar nicht nötig, ein Kind zu adoptieren, um die Neigungen und Talente seiner Kinder zu achten und fördern, statt sich Wunschvorstellungen hinzugeben, die nicht erfüllbar sind. Und mir ist ein souveräner Märchenberichtiger näher als ein zahlenkühler, eurokrisenunsicherer Banker. 😉

Das Buch eignet sich auch wunderbar zum Vorlesen.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit dem Autor findet Ihr hier:

 

 

 

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