Verloren in der Wildnis

Bobbie Pyron

Aus dem Amerikanischen von Gerda Bean

Thienemann, August 2012

352 Seiten, € 12,95

ab 10 Jahre

 

 

Die 10 Jahre alte Abby und ihr Shetland-Sheepdog-Rüde Tam sind eine verschworene Einheit. Als perfekt eingespieltes Team gewinnen sie im Oktober den ersten Preis beim Parcour der Jugend-Hundeführer-Wettbewerb. Auf der Heimfahrt gerät die Abbys Mutter mit ihrem Wagen von der Straße des Nationalparks ab und beide werden schwer verletzt. Tam, der auf der Pritsche des Pickups in einer Kiste während der Fahrt mitfuhr, wird von der Ladefläche weit weggeschleudert. Abby und ihre Mutter kommen verletzt in ein Krankenhaus, aber sie haben viel Glück gehabt. Auch Tam hat den Unfall überlebt und kann sich aus der Kiste befreien. Abby sucht verzweifelt ihren geliebten Sheltie und muss dabei immer wieder ihre Eltern davon überzeugen, dass ihr Hund lebt. Während dessen versucht Tam ebenso verzweifelt, den Weg zurück zu seinem Mädchen zu finden. Dabei vergehen Tage, Wochen und Monate, in dem er sich in einem neuen Leben und in der wilden, gefährlichen Natur zurechtfinden muss. Der Winter steht vor der Tür und Tam muss lernen, sich zu behaupten, damit er überhaupt eine Chance hat zu überleben. Abbys Eltern glauben nicht mehr daran, dass Tam noch lebt, doch Abby spürt, dass das nicht stimmt. Als sie dann auch ihre Heimat Harmony Gap in North Carolina verlassen muss, weil ihr Vater und seine Musikband endlich in Nashville einen Plattenvertrag bekommen haben, ist Abby völlig verzweifelt. Wie soll sie jetzt so weit entfernt noch nach Tam suchen können? Doch ihre beste Freundin Olivia verspricht ihr, weiterhin Augen und Ohren offen zu halten. Der Herbst geht, der Winter kommt, Abby zieht weg und gibt die Hoffnung nicht auf, auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint. In der Zwischenzeit entfernt sich Tam immer weiter von seinem Ausgangsort in einem meilenweiten Lauf durch die Blue Ridge Mountains.

 

Rezension:

Reale Tiergeschichten haben es in der Kinder- und Jugendliteratur nicht leicht, wenn sie nicht gerade von Pferden handeln. Es haftet ihnen das Etikett von „altmodisch, langweilig und spannungslos“ an, was ein Vorurteil und gleichermaßen dumm ist, wie dieses Buch wieder einmal beweist. Bobbie Pyron präsentiert hier ein spannendes wie auch feinfühliges Debüt, dass Gerda Bean treffend übersetzt hat. Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven in abwechselnden Kapiteln beschrieben, was die Handlung und Spannung geschickt aufbaut. Abby erzählt in der Ich-Person und Tams Erlebnisse werden in der dritten Person wiedergegeben. Bobbie Pyron ist es auf feinfühlige und beeindruckende Weise gelungen, dass man mühelos die Verzweiflung, Ängste und die Beharrlichkeit von Abby nachfühlen kann, so, als würde man seinen eigenen Hund suchen (selbst wenn man noch nie einen besessen hat) . Zum anderen hat die Autorin die verzweifelten Überlebenskämpfe von Tam mit anderen Tieren in der wilden Natur mit sicherem Gespür und hervorragender Beobachtungsgabe beschrieben. Man fühlt die Kälte und den Winter und lernt nebenbei ein wenig über die Psychologie und Instinkte eines Hundes kennen.

Neben der intensiven Beziehung zwischen Mensch und Tier ist es aber auch eine Geschichte über Freundschaften und Beziehungen im allgemeinen. Da sind die Eltern, die versuchen Abby klarzumachen, dass sie Tam loslassen muss, nachdem Wochen vergangen sind und er trotz intensiver Suche nicht aufgetaucht ist. Da ist die Großmutter Meewaw, die sich sehr gut in Abby hineinversetzen kann und wie sie fest davon überzeugt ist, dass Tam trotz aller Widrigkeiten noch lebt. Und da ist Olivia, Abbys beste Freundin, die auch ihre beste Freundin bleibt, als Abby wegziehen muss. Wie das so ist, wenn man an einem völlig fremden Ort neu anfangen muss, fällt es Abby erst einmal nicht leicht, an ihrem neuen Wohnort Freundinnen zu finden. Doch auch hier baut die Liebe zu Tieren bzw. Hunden eine Brücke.

Bobbie Pyrons Sprache ist ruhig, kurz und knapp und trifft doch berührend die Gefühle und Gedanken auf den Punkt. Mit sicherem Gespür baut sie eine tiefe Spannung auf, die bis zur letzten Seite problemlos gehalten wird.

„Verloren in der Wildnis“ ist ein wunderschönes Debüt (und überzeugende Lizenz), dass zeigt, das reale Tiergeschichten durchaus modern, spannend und berührend sind. Man muss wirklich kein Hundefreund- oder -liebhaber sein, um die Geschichte einer tiefen übersinnlichen Verbundenheit zwischen Mensch und Tier ins Herz zu schließen; ich weiß wovon ich schreibe. 😉

Ein Buch, dass durch seine Atmosphäre gerade jetzt im Herbst und im bevorstehenden Winter großen Spaß beim Vorlesen macht. Durch die einfühlsame und leicht zu lesende Sprache ist es ein Schmöker für alle Tier- und Menschenliebhaber ab 10 Jahre.

Der auf dem Cover abgebildete Sheltie und die stimmungsvolle winterliche Landschaft ziehen sich im Wechsel der beiden Erzähler durch das Buch.

Sabine Hoß

Bewertung:

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