Apfelsinen für Mister Orange

Truus Matti

Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer

Gerstenberg, Januar 2013

176 Seiten, € 12,95

ab 10 Jahre

 

 

Inhalt:

New York, 1943. Linus ist der mittlere von fünf Geschwistern, davon vier Brüder. Seine Eltern haben ein kleines Lebensmittelgeschäft mitten in New York und bringen damit die Familie mehr recht als schlecht über die Runden. Als sein ältester Bruder Apke in den Krieg nach Deutschland gezogen wird, ist Linus stolz auf seinen Bruder, der für sein Vaterland kämpft. Er kann nicht verstehen, warum seine Eltern nicht die kleine Flagge ins Schaufenster legen, die jedermann zeigt, dass ein Familienmitglied im Krieg kämpft. Sie sind der Meinung, dass „Flaggen für Feste da sind. Und Krieg ist kein Fest.“ Apke bittet Linus während seiner Abwesenheit auf seine geliebten Action Comics aufzupassen und jeden Monat die neue Ausgabe zu kaufen. Apke zeichnet selber und hat sich mit „Mister Super“ einen eigenen Comic-Helden ausgedacht, denn er ist der Meinung, gerade jetzt im Krieg kann Supermann bestimmt noch Unterstützung gebrauchen. Linus übernimmt nun das Austragen der Kundenbestellungen mit dem schweren Handkarren, wobei ihm im Anfang einige Missgeschicke passieren. Eines Tages soll er eine Kiste Apfelsinen in die 59th Street zur Nummer 15 bringen. Als Dank für seine Mühe schenkt ihm der Kunde eine Apfelsine. Linus stolpert bei dem Versuch die Apfelsine zu fangen, fällt die Treppe hinunter und verletzt sich das Knie. Während der Mann ihn rührend verarztet, schaut sich Linus um und es begegnet eine ihm eine völlig ungewohnte Welt: Eine geräumige, leere Wohnung, alles in Weiß. Überall bunte Rechtecke in starken Farben wie Rot, Blau und Gelb – Die Farben der Zukunft. Der Mann erklärt ihm ihn, dass er Maler ist und weil Linus sich seinen Namen nicht merken kann, nennt er ihn fortan Mister Orange. Seit diesem ersten Besuch freut sich Linus auf jede neue Auslieferung, die für Mister Orange bestimmt ist. Bei ihm traut er sich auch die Fragen zu stellen, für die seine Eltern weder Zeit noch Lust haben sich mit ihm darüber auseinander zu setzen. Zu Hause haben Linus` Eltern ganz andere Sorgen, denn Apkes Briefe aus dem Krieg in Deutschland sind sehr beunruhigend. Sie versuchen, die kleineren Geschwister nicht damit zu beängstigen, aber Linus will mehr wissen. Als er dem Maler eine gute Nachricht überbringen will, steht plötzlich ein wildfremder Mann in der Wohnungstür von Mister Orange. Was ist passiert?

Rezension:

Aus dem großen Meer der Massentrends in der Kinder- und Jugendliteratur wahre Perlen herauszufischen wird immer schwieriger. Truus Matti hat schwimmt mit ihrem Kinderbuch gegen den Strom und bleibt trotzdem oben auf. Den Handlungssschauplatz New York und die Zeit 1943 sind für ein Kinderbuch eigenwillig und mutig. In einer bilderreichen Sprache mit vielen detaillierten Beschreibungen lässt die Autorin den Leser in diese Zeit und Ort mit Leichtigkeit eintauchen. Sie verbindet eine spannende und vielschichtige Familiengeschichte mit den wahnsinnigen Folgen des zweiten Weltkrieges und erweckt mit der Kunst des 1940 nach New York emigrierten niederländischen Künstler Piet Mondrian einen schmalen Hoffnungsschimmer für eine bessere Zukunft.

Linus ist ein Junge, der philosophische Fragen stellt, für die man zu Hause keine Zeit oder Worte hat. Erst als er Mister Orange kennenlernt, merkt er, dass auch andere sich Fragen über den Sinn des Lebens stellen und ist froh, jemanden gefunden zu haben, der ihn ernst nimmt. Wie sein ältester Bruder Apke liebt auch Linus Comics und taucht gerne in ihre Welt ab. Doch je mehr er über den wahren Wahnsinn und den schrecklichen Folgen des Krieges weiß, desto weniger kann er mit den Superhelden etwas anfangen. Diese Entwicklung hat Truus Matti raffiniert aufgebaut  und zeigt die persönliche Entfaltung und Reife von Linus. Gleichzeitig wird der Maler Piet Mondrian ins Leben gerufen, der mit seiner abstrakten Kunst in den starken Primärfarben weltbekannt wurde. Sein Bild „Victory Boogie Woogie“, das in der Geschichte eine Rolle spielt und in dieser Zeit in New York entstand, ist geprägt vom Rhythmus der Musik. Die Begeisterung für die Malerei und Musik gibt er an Linus weiter, der alles dankbar aufsaugt. Als er am Schluss glaubt, Mister Orange verloren zu haben, stellt er fest, dass er für ihn immer weiterleben wird: In der Musik und (für alle) in seinen Bildern.

Ein sicher ziemlich ungewöhnliches Kinderbuch, was Zeit und Themen angeht. Aber ein ebenso ganz und gar überzeugendes Buch, dass spannend und feinfühlig eine Familiengeschichte erzählt und nebenbei kleine philosophische Fragen mit der Intensität von Malerei und Musik beantwortet. Wunderbar.

Manchmal tut es gut gegen den Strom zu schwimmen und als wahre Perle aufzutauchen.

Das Lesealter hat der Verlag mit 10 Jahren empfohlen, was ich zu tief angesetzt finde, denn einige Kinder könnten überfordert sein.

Ein kurzes Wort zum Cover:

Die Cover-Illustration von Felix Eckardt spiegelt mit den weichen Aquarelltönen die Atmosphäre New Yorks Mitte der vierziger Jahre treffend wieder. Der Karren ziehende Junge im Vordergrund könnte Linus sein und ist somit stimmig zur Geschichte. Der englische Verlag Enchanted Lion Books hat allerdings mit einem Ausschnitt des Bildes „Victory Boogie Woogie“ von Piet Mondrian nicht nur ein auffallenderes sondern auch ein ausgefalleneres Cover gewählt und trifft die Geschichte mitten ins Herz.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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