Live Fast, Play Dirty, Get Naked

Get naked KLEIN

Kevin Brooks

Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn

dtv premium, März 2013

480 Seiten, € 14,90

ab 14 Jahre

 

 

Inhalt:

London, 1976. Klavierspielen ist die Leidenschaft der 16 Jahre alten Lili, für das sie auch ein außergewöhnliches Talent besitzt. Eines Tages hört ihr der etwas ältere Curtis Ray beim Üben zu. Curtis wird nicht nur wegen seines guten Aussehens sondern auch wegen seiner aufsässigen und coolen Art besonders bei den weiblichen Schülern umschwärmt. Auch Lili ist fasziniert von ihm, außerdem spielt er in einer Band. Als Curtis ihr vorschlägt, in seiner Band mitzuspielen, weiß Lili zunächst gar nicht, was sie zu seinem Vorschlag sagen soll, denn Curtis spielt in einer Punkrockband und es fehlt keine Klavierspielerin sondern eine Bassistin. Trotz aller Zweifel geht Lili zur ersten Probe und bleibt bei „Naked“. Im Laufe der Zeit lernt sie die anderen Bandmitglieder immer besser kennen, von deren teilweise abweisenden und merkwürdigem Verhalten sie zunächst irritiert ist. Der große Traum der Band ist es natürlich groß heraus zu kommen. Curtis ist ein sehr guter Songschreiber und Sänger und die Band übt hart, trotzdem ist es ein langer, harter Weg Richtung Erfolg. Lili und Curtis kommen zusammen, doch Lili stellt schnell fest, dass Curtis zwar sehr charmant sein kann, aber auch ein labiler Charakter ist. Drogen, Alkohol sind selbstverständliche Begleiter, Streit und Provokationen geht er nicht aus dem Weg. Als William als neuer Gitarrist in die Band einsteigt, gibt es immer wieder Streit zwischen den beiden. William ist zwar ein begnadeter Musiker aber genauso unzuverlässig, was wichtige Absprachen und Termine angeht. Außerdem merkt Curtis, dass William für Lili eine besondere Anziehungskraft hat, trotzdem bleibt William für die anderen unnahbar. Eifersucht ist ein zusätzlicher Grund für ständige Auseinandersetzungen, die der Band auf dem harten und langen Weg zum erhofften Erfolg nicht gut tut. Als sie eines Tages tatsächlich den erhofften großen Auftritt haben, warten alle wieder einmal auf William…

Rezension:

Kevin Brooks ist für ungewöhnliche Themen in seinem ganz eigenen unkonventionellen Stil bekannt. Sein neuester Roman ist eine Retroperspektive in die Mitte der rauhen, blumigen siebziger Jahre, genauer in die Musikszene einer Punkrockband. Es ist mehr als ein Rückblick in diese Zeit, denn man merkt sehr genau, dass Kevin Brooks weiß worüber er schreibt, denn er war selbst während dieser Zeit Gitarrist in einer Punkrockband. Mit Leichtigkeit lässt er diese Zeit atmosphärisch lebendig werden, vergisst dabei auch nicht den Alkohol- und Drogenkonsum, der die in der Punkrock-Szene bei vielen dazugehörte. Dabei verharmlost Brooks den Drogenkonsum nicht, noch redet er ihn schön sondern beschreibt ihn als einen Teil der damaligen Zeit und Szene. Auch wenn es ungewöhnlich ist, dass er die Geschichte aus der Perspektive einer jungen Frau erzählen lässt, schafft er einen sensiblen Charakter, der sich im Laufe der Handlung nachvollziehbar entwickelt. Lili stammt zwar aus wohlhabenden Haus und hat keine finanziellen Sorgen, ihren Vater kennt sie aber nicht und das Zusammenleben mit ihrer Mutter ist problematisch. Diese hat es nicht überwunden, dass ihr Mann sie kurz nach der Heirat kalt abserviert hat, seitdem sucht sie Trost im Alkohol und mit Medikamenten. Liebe, Zuwendung sucht Lili daher in der Musik und hofft auf einen kleinen Halt als Mitglied in der Punkband „Naked“. Für Curtis zählt nur die Musik und der große Erfolg, dafür sind ihm alle Mittel recht. Obwohl er mit Lili eine „Beziehung“ eingeht, reduziert sich das im Wesentlichen auf Sex und das musikalische Zusammensein; wie es Lili persönlich geht, interessiert ihn wenig. William ist eine zunächst undurchsichtige Figur, die für die Bandmitglieder unnahbar bleibt. Bis auf Lili, die sich von ihm angezogen fühlt und es ganz behutsam schafft, seine raue Schale ein wenig zu öffnen. William`s Eltern wurden von der IRA ermordet, aus diesem Grund will er Rache nehmen und hat sich auf eine gefährliche Verbindung mit der IRA eingelassen. Damit hat der Autor eine interessante Verbindung zur damaligen politischen Situation geschaffen, in der die IRA England mit brutalen Attentate terrorisierte. Jede der ganz unterschiedlichen Figuren hat eine eigene Geschichte und trotz ihrer Ambivalenz prallen sie als Bandmitglieder aufeinander, sind voneinander abhängig, was nicht ohne Komplikationen und Konsequenzen bleibt. Es ist eine rundum fesselnde Bandstory mit facettenreichen Protagonisten, bei der man den harten Weg nach Erfolg und Ruhm genauso nachvollziehen kann wie die pulsierende Begeisterung für Musik und Live-Auftritte, wobei die damals hoch angespannte politische Situation nicht vergessen wird.

Kevin Brooks ist auch mit diesem Buch ein komplexer und leidenschaftlicher Roman gelungen, der einen musikalischen Rückblick auf eine wilde Zeit wirft, ohne sie nostalgisch zu verklären. Nur das Ende ist leider gar nicht so, wie man es sich von Kevin Brooks vorstellt. Da wird es doch sonderbar kitschig-sentimental, was zum Autor nicht passt und letztendlich auch nicht zur Geschichte.

Wie die letzten Bücher von Kevin Brooks hat auch dieses Uwe-Michael Gutzschhahn so übersetzt, dass man den Roman nur ungern aus der Hand legt.

Das Cover ist ein wenig unruhig, schrill und damit wieder passend zum Inhalt.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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