Liebe, liebe Fanni

Liebe_Fanni KLEIN

Sigrid Zeevaert

Gerstenberg, Juli 2013

160 Seiten, 12,95 €

ab 10 Jahre

 

 

 

Inhalt:

Die 11-jährige Nina verbringt ihre Sommerferien bei ihrer Tante Anne und ihrem etwas älteren Cousin Piet. Allerdings nicht ganz freiwillig, aber ihre Mutter hat sich für einen Yoga-Kurs in den Bergen eine Mediationsauszeit genommen und daher Anne bei ihrer Schwester untergebracht. Zunächst war Anne ziemlich sauer über das Abschieben ihrer Mutter, aber seitdem sie auf dem Dachboden ein Tagebuch, Aufzeichnungen und Fotos gefunden hat, lebt Nina zwischen zwei Welten. Sie taucht in die Erinnerungen von Fanni ein, einem achtjährigen Mädchen, das während des zweiten Weltkrieges aus dem zerbombten Köln nach Ostpreußen verschickt wird. Während Fannis Vater in Russland als Soldat eingezogen ist, der ältere Bruder Henrik schon nach Bayern verschickt wurde, ist sie alleine mit ihrer Mutter in Köln geblieben. Die Situation in der Stadt wird immer gefährlicher, das Essen immer knapper, außerdem muss ihre Mutter in die Fabrik zur Arbeit. Daher entscheidet sie sich schweren Herzens dazu, Fanni alleine mit dem Zug nach Allenstein, Ostpreußen, zu verschicken. Dort wird sie von einem Ehepaar auf einem abgelegenen Bauernhof aufgenommen und bekommt dort wieder ausreichend zu essen. Allerdings hat Fanni vor lauter Heimweh kaum Hunger. Zu allem Unglück macht sie nachts wieder ins Bett, obwohl ihr das in Köln nie passiert ist. Zunächst zeigen sich die Gasteltern verständnis- und herzlos, doch Lucien, ein französischer Soldat, der auf dem Gut Unterschlupf gefunden hat, weiß, wie Fanni sich fühlt und wird ein liebevoller Freund für sie. Als das Bauernpaar traurige Nachrichten von einem Sohn erhalten, ändern sie das Verhalten gegenüber Fanni, so dass sie sie kaum gehen lassen wollen, als die Zeit der Kinderverschickung vorbei ist. Fanni freut sich so sehr, endlich wieder nach Hause und zu ihrer Mutter zurückzukehren.Doch nicht nur Fanni ist größer und selbstständiger geworden, auch ihre Mutter hat sich verändert. Sie scheint krank und sehr traurig zu sein. Fannis Leben gerät bei einem Bombenangriff von einem Moment auf den anderen aus den Fugen…

 

Rezension:

Sigrid Zeevaert gehört zu den Autorinnen, die fernab vom Mainstream ihre Erzählungen für Kinder und Jugendliche schreibt. Ihr neues Buch handelt von dem Kriegsschicksal eines kleinen fast achtjährigen Mädchens während des zweiten Weltkrieges. Unvorstellbar für uns aus heutiger Sicht, was die Kinder und Jugendlichen damals erlebet haben und aushalten mussten. Dabei gelingt der Autorin mit der literarischen Form des Tagebuchs das Spagat, das schwierige Thema für die Kinder unserer Zeit zugänglich zu machen.

Der Roman ist aus zwei unterschiedlichen Erzählperspektiven und  verschiedenen Sprachnuancen, die sich typografisch in zwei unterschiedlichen Schriftbildern unterscheiden, aufgebaut. Da ist Nina, die durch ihre Tagebuchaufzeichnungen mit kurzen, knackigen und humorvollen Sätzen den Leser in ihr Leben und ihre Gedankenwelt führt. Auch sie hat Probleme, so fragt sie sich, warum ihre Mutter und ihre Tante jahrelang keinen Kontakt hatten und sich jetzt wieder verstehen, warum sich ihre Eltern getrennt haben, ihr Vater lieber Zeit mit seinem Computer verbringt statt mit ihr und ob sie sich mit Arthur, der Freund ihrer Mutter, anfreunden kann. Die zweite Ebene beschreibt aus der klaren und gefühlvollen Erzählersicht die Erlebnisse von Fanni. Ausgesprochen geschickt verbindet Sigrid Zeevaert diese beiden Perspektiven, Vergangenheit und Gegenwart zu einem spannenden Dialog zwischen den beiden Mädchen. Obwohl die Leben und Probleme der beiden Mädchen unterschiedlich sind, entsteht durch die Aufzeichnungen eine große Nähe zwischen den beiden. Nina wird durch Fannis Aufzeichnungen mutiger und traut sich Dinge anzusprechen, für die ihr bis dahin der  Mut fehlte. Aber Nina wird auch nachdenklich durch die schlimmen Erlebnisse, die sie sich gar nicht vorstellen kann. Daher will sie herausfinden, ob diese Fanni heute noch lebt, da sie ihr gerne ihre Sachen zurückgeben möchte. Nicht alles klärt sich auf, was logisch und konsequent ist.  Wichtig allein ist es, dass wir diese furchtbaren Schicksale und Erlebnisse nie vergessen. Auch wenn wir diese heute nur noch schwer vorstellen können, sollten wir dankbar dafür sein und darüber nachdenken, warum es damals so weit kommen konnte – und das es keine Wiederholung gibt.

Sigrid Zeevaert ist eine schlüssige Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelungen, die durch eine klare, leicht zu lesende Sprache auch jüngeren Lesern einen guten Zugang zu den Schicksalen der Kinder während des zweiten Weltkrieges bietet. Eine lange und furchtbare Zeit, die durch Familienentzweiung, verlorener Kindheit, Angst, Hunger und Einsamkeit bestimmt wurden.

Die Hauptprotagonisten sind wie so oft in der Kinder-und Jugendliteratur (zwei) Mädchen, trotzdem ist dies sicher kein typisches Mädchenbuch, sondern sollte auch von Jungs gelesen werden.

Dem überzeugenden Roman hätte ich allerdings ein farblich stilsicheres Cover gewünscht als das vorliegende. Wobei der Scherenschnitt der beiden Mädchenköpfe, der Schriftzug und die seitliche Adaption eines Tagebuchs passen.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

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