70 Tricks, um nicht baden zu gehen

70_Tricks KLEIN

Gideon Samson

Mit Bildern von Anke Kuhl

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Gerstenberg, Januar 2014

144 Seiten, € 12,95

ab 8 Jahre

 

Was für viele Kinder ein riesiges Vergnügen ist, bedeutet für Gidd  große Angst.  Donnerstag ist für ihn der schlimmste Tag der Woche, das ist der Bauchschmerztag, denn dann ist Schulschwimmen angesagt.

Obwohl Gidd schon in der vierten Klasse ist,  hat er immer noch nicht das B-Schwimmabzeichen geschafft. Auf dem Weg mit dem Schulschwimmbus muss Gidd immer auf einem ganz bestimmten Platz sitzen, ansonsten bringt das Unglück beim Schwimmen. Zumindest glaubt Gidd das. Genauso wie es Pech bringt, wenn er während der Fahrt zur Schwimmhalle nicht den alten Mann sieht, der an einem Teich auf der Bank sitzt und Tauben füttert. Doch seit drei Fahrten zur Schwimmhalle sitzt dieser alte Mann nicht mehr an gewohnter Stelle. Klar, dass die Schwimmstunden deswegen in die Hose, pardon, ins Wasser geht. Da Gidds selbst erfundene abergläubischen Bedingungen nicht immer so eintreten, wie er es sich gerade wünscht, ist überwältigt ihn die Angst, sobald er am Beckenrand steht.

Die sieben Meter Streckentauchen sind für ihn ein Grauen, genauso wie das Schwimmen bekleidet mit T-Shirt und einer abgeschnittenen Jeans, gefolgt von einer Minute lang Wassertreten, ohne die Arme zu benutzen.

Gidd hat in einem kleinen geheimen Heft siebzig Tricks aufgeschrieben, mit denen man sich vor dem Schwimmtraining drücken kann. Ein paar davon hat er auch schon erfolgreich umgesetzt, manche kann man allerdings nur einmal anwenden. Seine Mutter bemüht sich, ihm Mut zuzusprechen und er darf sich sogar für das neue Schuljahr eine Badehose aussuchen, egal wie viel sie kostet. Doch auch diese schafft es nicht, die Bauchschmerzen und Übelkeit jeden Donnerstag vom Beckenrand wegzudrücken. Gidd ist einerseits traurig, dass er nicht dagegen ankommt und gleichzeitig schämt er sich unendlich, dass er der einzige aus seiner Stufe ist, der dieses doofe Schwimmabzeichen nicht schafft.

Der Autor zeigt mit Humor und sensiblem Einfühlungsvermögen wie schwer einem Kind etwas im Magen liegen mag, was für andere der schönste Spaß ist: Schwimmen und das Tummeln in einem Spaßbad. Mit Fantasie zaubert der Autor ein Feuerwerk an kuriosen Ideen, auf welch abenteuerliche Weisen man den Einstieg in den Schulschwimmbus verhindern kann. Und wer kennt sie nicht, diese tief abergläubischen Gedanken, dass manche Sachen nur dann gut gehen, wenn dies oder das vorher passiert. In kurzen, klaren und dennoch feinfühligen Sätzen lässt er Gidd erzählen, wie es in seinem aufgewühlten Innenleben ausschaut. Da schlagen die Wellen meterhoch und Gidd scheint mit seiner Angst alleine und hilflos wie ein Korken auf dem Wasser zu trudeln, obwohl er ein ziemlich pfiffiger und gewitzter Junge ist. Selbst die Erwachsenen sind überfordert.    Gidds Mutter fällt zunächst nichts besseres als den Gang zur Psychologin Dorien ein, mit der ihr Sohn sich über seine Ängste unterhalten soll, was dieser natürlich ziemlich uncool findet.

Die Psychologin verspricht ihm, dass alles, was die beiden miteinander austauschen, den Raum nicht verlässt. Doch kurze Zeit später wirft seine Mutter ihm vor, dass er Dorien und sie anlügt. Gidd ist sauer über diesen Vertrauensbruch und verlässt wortlos die Wohnung.  Er will wissen, warum der alte Mann nicht mehr auf der Bank die Tauben füttert und macht sich auf die Suche nach dem Taubenmann. Bei dieser Such begegnet er wildfremden Menschen, mit denen er plötzlich ganz offen über seine Ängste und Gefühle sprechen kann. Die kennen ihn nicht – und hören ihm einfach nur zu. Und während Gidd auf dem Weg der Erkenntnis ist, dass er weder abergläubische Umstände braucht, sondern „nur“ den festen Glauben an sich selbst, findet auch seine Mutter eine gute Lösung, wie er doch noch das B-Abzeichen schaffen kann.

Mit witzigem Biss spiegelt Gideon Samson die Hilflosigkeit der Erwachsenen wider, ohne sie bloßzustellen. So ganz nebenbei lässt er kleine Besonderheiten einfließen, so bekommt Gidd beispielsweise als Belohnung für das A-Abzeichen ein Fotobuch über die Fußballeuropameisterschaft in Schweden, die 2013 die Europameisterschaft der Frauen (!) war. Die Tatsache, dass seine Mutter alleinerziehend ist, ist sicher eine bemerkenswerte Herausforderung. Der Vergleich zu einer alleinerziehenden Mutter, die bewusst allein erzieht und der unbekannte Vater aus einem Glasröhrchen geholt wurde (weil die Mutter Überraschungen liebt), ist mir in einem kleinen Nebensatz abgefertigt, zu kompakt und im Grunde für die Geschichte so unwichtig, dass man gut darauf hätte verzichten können.

Bis auf diese Kritik ist es eine warmherzige, witzige Geschichte über Ängste und Emotionen, die wir alle kennen – und die sich zum Vorlesen hervorragend eignet.

Rolf Erdorf hat die 70 Tricks mit Herz und Witz stimmig ins Deutsche übertragen.

Das vortreffliche Cover und die herrlich witzigen Illustrationen von Anke Kuhl vor jedem Kapitel kann man fast wie ein Daumenkino blättern. Sie zeigen mit knappen Mitteln die Achterbahn an Gefühlen eines kleinen Jungen am Beckenrand, der am Schluss mit einem stolzen Lächeln  ins Wasser springt.

Ein Nachwort erklärt die kleinen, feinen Unterschiede der niederländischen Schwimmabzeichen zu unseren hierzulande.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

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