So fern wie nah

So fern wie nah KLEIN

John Boyne

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Martina Tichy

Fischer KJB, 27. März 2014

256 Seiten, € 12,99

ab 12 Jahre

 

 

 

Der Bestsellerautor John Boyne ist ein großartiger und facettenreicher Erzähler, dem es immer wieder auf  warmherzige Weise gelingt, ausdrucksvolle jugendliche Protagonisten in spannende, bewegende Geschichten ins Leben zu rufen. Auf diesem Literaturportal habe ich bereits einige seiner Romane besprochen. In seinem aktuellen Buch „So fern wie nah“ („Stay where you are an then leave“ im Original) beschreibt er die Absurdität eines Krieges (konkret den ersten Weltkrieg) durch die Augen eines Jungen.

Den 28. Juli 1914 wird Alfie Summerfield in seinem Leben niemals vergessen, denn dieses Datum ist mit glücklichen aber auch traurigen Erinnerungen verbunden. An diesem Tag feiert er seinen fünften Geburtstag und es ist der Vorabend zum ersten Weltkrieg. Während seine Mutter zu Ehren des Geburtstags die leckersten Delikatessen auftischt und die eigentlich die ganze Straße eingeladen hat, kommen dann doch nur die engsten Freunde zur Feier. Eines der schönsten Geschenke für Alfie ist eine gebrauchte Ausgabe von „Robinson Crusoe“, die er von Mr. Janàček, dem Nachbarn und Vater seiner besten Freundin Kalena, bekommt. Georgie, Alfies Vater fühlt sich hin- und hergerissen bei dem Gedanken, dass die meisten Männer sich zum Kriegsdienst gemeldet haben, er aber immer noch seiner Arbeit als Milchwagenfahrer nachgeht.

Am Tag nach Alfies Geburtstag hat Georgie sich entschieden und meldet sich freiwillig als Soldat. Oma Summerfield sag vorausblickend „es ist aus mit uns“, Alfie hat furchtbare Angst um seinen Vater und Margie, seine Mutter, traut dem Versprechen ihres Mannes nicht, dass er an Weihnachten wieder da ist, um mit ihr gemeinsam die Gans zu füllen. Sie soll leider Recht behalten, denn die Jahre und Weihnachtsfeste vergehen, ohne das der Vater heimkehrt und Alfie ist mittlerweile neun Jahre alt. Alfies Mutter versucht  als Krankenschwester mit so vielen Schichten wie möglich, die Familie über Wasser zu halten, aber es reicht vorne und hinten nicht.

Für Alfie völlig unerklärlich, schließlich ist seine beste Freundin hier geboren und die Janàčeks leben doch schon seit einer Ewigkeit hier, müssen die freundliche Nachbarn aus der Straße nach Kriegsbeginn plötzlich England verlassen. In ihrer Wohnung findet Alfie eine gut ausgestattete Schuhputzkiste, die er mitnimmt. Er will ein Stück Verantwortung mit tragen und seine Mutter entlasten, die er nur noch müde, ausgelaugt und unendlich traurig erlebt. Als Schuhputzjunge im Bahnhofsgetümmel verdient Alfie ein paar Pennys dazu. Bei seiner Arbeit lernt Alfie unterschiedliche Menschen kennen, hört viel und aufmerksam zu. So lernt er zum Beispiel, was es mit der weißen Feder für die Kriegsdienstverweigerer auf sich hat. Obwohl Alfie es eigentlich nicht darf, liest er heimlich die immer weniger werdenden Briefe seines Vaters und stellt fest, dass Georgie immer verzweifelter, hoffnungsloser und verwirrter schreibt.

Eines hat sich Alfie die ganzen Jahre über fest eingeprägt: Die Zahl 14278. Das ist die Zahl, unter der sein Vater gelistet wurde. Als eines Tages einem Kunden seine Mappe aus der Hand fällt und sich die Blätter auf dem Bahnsteig verteilen, hilft Alfie beim aufsammeln und entdeckt auf einem Blatt die Nummer seines Vaters und das er im East Suffolk & Ipswich Hospital liegt. Alfie fragt sich, warum seine Mutter ihm das nicht gesagt hat und warum sie ihn dort nicht besuchen? Doch er traut sich nicht mit seiner Mutter darüber zu reden und macht sich allein auf den weiten Weg in das Krankenhaus. Hier trifft Alfie auf einen traumatisierten Vater, der ihn zunächst einmal gar nicht erkennt. Alfie ist überzeugt, dass sein Vater nur zuhause, in seiner gewohnten Umgebung und bei ihm wieder gesund werden kann. Ein gewagtes und nicht ungefährliches Vorhaben setzt Alfie in die Tat um…

Johny Boyne hat mit der Figur des Jungen Alfie einen sympathischen und authentischen Charakter zum Leben erweckt. Aus der Sicht des zunächst fünf- und später neunjährigen erzählt Alfie mit entsprechend kindlicher Naivität über die Ängste, Hoffnungen und Sorgen in dieser schweren Zeit. Bilderreich beschreibt der Autor nachvollziehbar die Atmosphäre und das Leben der einfachen Arbeiter in London kurz vor und während des ersten Weltkrieges. Der Leser taucht in eine Epoche ein, die von Armut, Angst, Verzweiflung und Hoffnung geprägt ist, ohne aber von furchtbaren, gewalttätigen Szenen aus den Kriegszuständen überwältigt zu werden. Trotzdem ist es eine überaus spannende Geschichte, die in einer ruhigen und feinfühligen Sprache erzählt wird. Alfies Vorhaben, seinen stark traumatisierten Vater wieder ins Leben zurückzuholen, ist aus kindlicher, naiver Sicht nachvollziehbar, aber genau hier besteht auch die Gefahr, allzu rührselig zu werden. Doch genau dem entgeht Johny Boyne souverän und balanciert gekonnt dazwischen.

Eine feinfühlige, bewegende Antikriegsgeschichte mit einem naiven, kindlichen Protagonisten, der zeigt, dass die Kraft der Liebe der beste Grund der Welt ist, für andere einen scheinbar unvernünftig Weg zu gehen.

Ein Buch, das in der Tat ein Klassiker werden könnte.

Brigitte Jakobeit und Martina Tichy haben die Geschichte sensibel in die richtige Stimmung übersetzt.

Das Cover ist sicher Geschmackssache, bis auf den typographisch gelungenen Schriftzug ist der Hintergrund mir eine Spur zu nichtssagend.

Sabine Hoß

Bewertung:

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