Schwarze Häuser

Schwarze Häuser KLEIN

Sabine Ludwig

Dressler, Juli 2014

352 Seiten, € 14,99

ab 10 Jahre

 

 

 

Sabine Ludwig ist eine vielseitige und vielfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbuchautorin sowie eine erfolgreiche Übersetzerin aus dem Englischen. Viele ihrer eigenen Bücher zeichnen sich durch eine ganz eigene humoristische Note aus. Ihr neues Buch „Schwarze Häuser“ lässt schon im Titel erahnen, dass die Geschichte nicht ganz so heiter und leicht ist. Im November 1964 geht es für eine Gruppe Berliner Kinder an die Nordsee. In einem Kinderkurheim sollen die Großstadtkinder frische Nordseeluft genießen und aufgepäppelt werden. Ein Aufenthalt, für den die Eltern lange sparen mussten. Vier völlig unterschiedliche Mädchen aus unterschiedlichen Verhältnissen treffen hier mit anderen aufeinander: Die zwölf Jahre alte Ulrike, die bei ihrer Oma lebt und ihre Mutter nicht kennenlernen will. Fritze, die eigentlich Elfriede heißt, aber wegen ihres burschikosen Aussehens nur Fritze genannt wird. Sie tritt gerne wegen ihrer ungestümen Art in manchen Fettnapf, hat aber meist spontan einen guten Spruch auf den Lippen und kann hervorragend Geschichten erzählen. Fritze kommt aus einer Künstlerfamilie, wofür sie nicht selten verspottet wird. Die dritte im Bunde ist Freya, ein sehr dünnes, schmächtiges Mädchen, die aber aus wohlhabendem Haus kommt, denn ihr Vater ist Arzt. Obwohl Freya mit Abstand die schicksten und teuersten Klamotten hat oder Dinge wie Shampoo besitzt, von denen die anderen Mädchen nur träumen, ist sie nicht eingebildet oder arrogant. Das Quartett wird mit Anneliese, von allen nur Lieschen genannt, abgerundet. Lieschen ist mit acht Jahren die jüngste im Bunde und nuckelt noch am Daumen.

Das Quartett erwartet in dem Kurheim an der Nordsee kein erholsamer Aufenthalt in netter, freundlicher Umgebung und mit nahrhaften Mahlzeiten, sondern ein unglaublich strenges Regiment unter den zwei humorlosen Schwestern Hildegard und Waltraud. Was diese beiden an Gemeinheiten und boshafter Gängelei den Kindern nicht aufbieten, ergänzt die Kurheimleiterin Frau Butt. Schwester Hildegard ist die dominantere, unbarmherzigere und gefühlskältere und führt ihre Kollegin Waltraud gerne vor. Die tröstet sich mit einer Flasche Lebertran, die sie in einen glückseligen Zustand versetzt, wobei die Kinder sich über diese Wirkung von Lebertran und die Häufigkeit der Einnahme bei Waltraud wundern. Während die Jungs, immer strengstens von den Mädchen getrennt, zum Frühstück oder Abendbrot Brötchen bekommen, müssen die Mädchen mit Milchsuppe aus vergorener Milch oder anderen völlig ungenießbaren Mahlzeiten auskommen. Wie hält man so viel Ungerechtigkeit, herzlose und zum Teil gewalttätige „Betreuung“ aus, wenn Heimweh, Kälte und Hunger zusätzlich schmerzen? Die vier Kinder freunden sich trotz ihrer Unterschiede langsam an und gemeinsam finden sie mit Phantasie und Pfiffigkeit immer wieder einen Weg, damit zurecht zu kommen. Die meisten haben bereits Erfahrungen in anderen Kinderkurheime gemacht und selten waren es Aufenthalte, an die man sich gerne erinnert. So hat Fritze einen ganz besondere Geheimsprache mit ihren Eltern, wie sie ihnen mitteilt, ob es ihr gut geht oder nicht, denn ihre Post wird von der Heimleitung geöffnet, bevor sie das Kurheim verlässt (oder auch nicht…)

Auch wenn eine eher düstere Atmosphäre über der Geschichte liegt, gelingt es Sabine Ludwig immer wieder mit humorvollen Begebenheiten und dem immer enger werdenden Zusammenhalt und Pfiffigkeit der Kinder, dass die bedrückenden Erlebnisse auf ein gutes Ende hoffen lassen. Ein gutes Ende gibt es tatsächlich und vorher wird es noch einmal dramatisch spannend, denn Freya ist verschwunden. Da weder die Schwestern Hildegard und Waltraud noch die Heimleitung ihr Fehlen bemerken, machen sich die anderen drei Mädchen auf die Suche. Sie finden Freya im Wattenmeer, kurz bevor die Flut beginnt…

In kurzen, einfachen und klaren Sätzen lässt die Autorin bilderreich in die Epoche der sechziger Jahre eintauchen. Auch wenn es heute nicht mehr geläufig ist, was ein Leibchen, eine Lastexhose oder eine Nissenhütte ist, wird es für Kinder verständlich und vorstellbar erklärt. Zudem gibt es am Ende des Buches ein kleines Glossar mit Begriffen, die früher jedes Kind kannte, heute aber übersetzt werden müssen. Diese Begriffe sind zudem mit wunderschönen schwarz-weiß Vignetten von Emma Ludwig gezeichnet, die auch wunderbar treffend jedes Kapitel einleiten.

Es macht schon ein wenig sprachlos, was diese Kinder damals in „Kinderkurheimen“ aushalten mussten, in denen sie eigentlich (gegen Geld!) aufgepäppelt werden sollten und statt dessen ohnmächtig in einer gewalttätigen und kinderfeindlichen Obhut überlassen wurden. Geschweige denn, dass sie die entsprechende Nahrung bekamen, um einige Kilos zuzunehmen. Jetzt würde man gerne sagen, ja, das war früher,  d a s gibt es heute nicht mehr so, doch die Realität zeigt uns immer wieder anderes.

Sabine Ludwig hat mit „Schwarze Häuser“ ein bewegendes, packendes und spannendes Buch über Freundschaft geschrieben und darüber, was man im Zusammenhalt alles ertragen kann. Nach eigener Aussage ist es das persönlichste Buch der Autorin, da auch sie als Kind in ein Kinderheim verschickt wurde.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit Sabine Ludwig zu diesem Buch findet Ihr hier:

Außerdem gibt es ein weiteres Interview mit der Autorin auf diesem Literaturportal

 

 

 

 

 

 

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