Das Schicksal der Sterne

Das Schicksal der Sterne KLEIN

Daniel Höra

bloomoon, Februar 2015

272 Seiten, € 14,99

ab 14 Jahren

 

 

 

Unterschiedlicher könnten Adib und Karl nicht sein, die sich durch einen Zufall, manche nennen es Schicksal oder Bestimmung, begegnen. Adib ist ein Teenager, der mit seiner Mutter und seinem jüngerem Bruder aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet und in Berlin gelandet ist. Karl Riedberger ist ein alter Herr, der früher ein Beamter im Justizsenat gewesen ist. Nach dem Tod seiner geliebten Frau, mit der er fast sechzig Jahre verheiratet war, sieht er plötzlich keine Aufgabe mehr in seinem Leben und wird immer missmutiger gegenüber seinen Mitmenschen, da er seinen körperlichen wie seelischen Zerfall durchaus bemerkt. An einem heißen Sonnentag im Juli bricht Karl auf einer Bank an der Havel beim Lesen seines Lieblingsbuches „Geheimnisse des Universums“ zusammen und wird ins Krankenhaus transportiert. Adib, der die Szene beobachtet , setzt sich auf diese Bank, nachdem sich die aufgeregte Menge zerstreut hat. Er entdeckt das Buch und findet hinten den Namen und die Adresse des Besitzers. Auf dem Umschlag ist ein Sternenmeer abgebildet, durch das ein Lichtstrahl wie ein scharfes Messer schneidet, außerdem scheint es schon oft gelesen worden zu sein. Adib liebt ebenfalls die Sterne und die Unendlichkeit des Universums und will das Buch seinem Besitzer zurückgeben. Karls Nachbarin Mildred, eine resolute ältere Dame, weist ihn zunächst ziemlich unfreundlich ab, als Adib   mit dem Buch vor ihr steht und mit seinen paar Brocken Deutsch versucht zu erklären, was passiert ist.

Karl hat einen Schlaganfall erlitten, der vor allem sein Sprachzentrum getroffen hat, was ihn noch verzweifelter und depressiver machen lässt. Doch Mildred versucht ihn mit ihrer burschikosen, zupackenden Art aufzumuntern und ihm Lebensmut zu geben. Er soll sich, wenn es ihm wieder besser geht, bei dem Jungen bedanken, der ihm sein geliebtes Buch zurückgegeben hat. Karl macht sich eher unwillig eines Tages auf dem Weg zu dem Flüchtlingsheim, in dem Adib mit seiner kleinen Familie wohnt, bedankt sich mit einem Geldschein und verabschiedet sich erleichtert. Seine 15-jähirge Nichte Marie kommt in den Ferien zu Karl, da sie sich gerade mit ihrer Mutter oft in den Haaren liegt und Karl beim Aufpäppeln unterstützen soll. Mildred, Marie und Karl unternehmen nun oft gemeinsam Spaziergänge, bei dem sie Adib vor einem Kaufhaus wiedersehen. Zu Viert lassen sie den Nachmittag in einem Café bei Kuchen ausklingen und finden dabei heraus, dass Adib und er das gleiche Hobby haben: die Liebe zu den Sternen und Astronomie. Karl lädt ihn zu sich nach Hause ein, gegen Mildreds Vorbehalte. Die beiden nähern sich langsam immer näher an und stellen dabei fest, wie viele Gemeinsamkeiten sie auf ihrem Lebensweg haben, auch wenn sie aus verschiedenen Generationen stammen.

Raffiniert lässt Daniel Höra die Handlung aus verschiedenen Zeitperspektiven und Handlungsorte fließend ineinander übergehen, was eine gewisse Aufmerksamkeit beim Lesen erfordert und gleichermaßen die Spannung von der ersten bis zur letzten Seite hält. Dabei geht der rote Faden, nämlich die Tatsache, wie ähnlich sich die Lebensläufe der so unterschiedlichen Generationen von Adib und Karl sind, nicht verloren. Karl verfällt immer wieder in Rückblenden in die Zeit, als er im Alter von Adib war und in den Wirren des zweiten Weltkrieges mit seiner Mutter und kleineren Schwester Hannah aus Schlesien vertrieben wurde. Adib erzählt von seiner Heimat und den politischen Gründen ihrer dramatischen Flucht.

Eine Flucht, die wie die von Karl von furchtbaren, traumatisierenden Erlebnissen geprägt ist, für unsere Generation kaum vorstellbar. Zwei Geschichten, die sich in ihrer Grausamkeit der Umstände und der Ursache leider sehr ähneln, auch wenn Jahrzehnte dazwischen liegen und sie in unterschiedlichen Kulturen passieren. Adib und seine Mutter verlieren am Anfang den kleinen Bruder aus den Augen und müssen zusehen, wie der ältere Bruder ertrinkt. Karl muss sich gegen einen perfiden, scheinheiligen Mann durchsetzen, dem er und seine Familie sich und auf der Flucht angeschlossen haben. Durch ihn gerät der junge Karl in eine lebensgefährliche Situation, die ihn ein Leben lang nicht loslässt.

Der Autor zeichnet mit sensibler Beobachtungsgabe und Gespür für Feinheiten ausdrucksstarke Charaktere und beschreibt authentische Situationen, die bewegen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie aus der Gegenwart sind oder solide recherchierte der Vergangenheit. Karl lebt noch einmal mit Adib und der geteilten Begeisterung für die Sternenguckerei auf und setzt sich für ihn ein, als Adib abgeschoben werden soll. Dennoch machen ihn die Folgen des Schlaganfalls immer schwächer. Adib dagegen gelingt es durch Karls Freundschaft und Zuneigung seinen Entschluss zu festigen, in dem fremden Deutschland anzukommen und etwas aus seinem Leben zu machen, auch wenn er sich hier gegen viele Widrigkeiten behaupten muss.

Bereits in seinen Jugendbücher „Braune Erde“, „Gedisst“ oder „Das Ende der Welt“ hat  Höra gezeigt, dass er in seinen Büchern sozialkritische Themen für junge Leser in lebendiger, leicht zu verstehender Sprache realitätsnah und profunde recherchiert verpackt.

Mit „Das Schicksal der Sterne“ präsentiert er erneut eine beeindruckende Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft und zwei ganz unterschiedlichen Lebenswege. Dabei spiegelt sie unsere Ausländerfeindlichkeit und Vorurteile wider, mit denen wir politischen Verfolgten begegnen, die bei uns Asyl suchen und ihre Bemühungen um Integration oft nicht mit Freundlichkeit erwidert wird.

Vielleicht nehmen wir im täglichen Miteinander etwas von der strahlenden Kraft der Sterne mit, bevor wir eines Tages „von schwarzen Löcher als dunkle Materie eingesaugt werden.“

Das Cover ist stimmig rundum gelungen.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

 

 

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