Väterland

Christophe Léon

Aus dem Französischen von Rosemarie Griebel-Kruip

Mixtvision, März 2017

116 Seiten, € 9,90

ab 12 Jahren

 

 

Gabrielle, fast 13 Jahre alt lebt in Paris, irgendwann in der Zukunft. Sie . Sie wurde im Alter von sechs Monaten aus Somalia von ihren Eltern adoptiert. Ihre Eltern sind George und Phil, ein schwules Ehepaar seit 15 Jahren, die sich als Künstler mit vielen Ausstellungen einen Namen gemacht haben. Bis vor zwei Jahren wohnte die kleine Familie in einem der schönsten Viertel von Paris und in einem gutbürgerlichen Wohlstand. Doch während Gabrielle groß wird, verändert sich das gesellschaftliche und politische Leben in Frankreich radikal. War bislang Homosexuellen die Ehe und Adoption erlaubt, ist dies heute verboten und von vielen gesellschaftlichen Veranstaltungen ausgeschlossen. George und Phil dürfen ihre Kunstwerke nicht mehr ausstellen und müssen mit ihrer Tochter in die Vorstadt von Paris ziehen. Nur noch mit Genehmigung dürfen sie ins Zentrum der Hauptstadt fahren, darüber hinaus ist das Tragen einer Rosa Raute zur Pflicht für Homosexuelle. Als die beiden Väter ohne diese Erlaubnis ins Pariser Zentrum fahren, um für Gabrielle ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen, werden sie in einen Autounfall verwickelt. Die beiden fliehen und werden von der Polizei verfolgt.

In 15 Kapiteln und auf 115 Seiten erzählt Gabrielle in raffiniert verwobenen unterschiedlichen Zeitebenen von Vergangenheit und Gegenwart , wie schnell und dramatisch sich das Familienleben in den letzten Jahren verändert hat. Während man rückblickend bewegend und aufwühlend in einer distanzierten, ja fast nüchternen Sprache (Übersetzung Rosemarie Griebel-Kruip) erlebt, wie sich der Druck und die Zwangsmaßnahmen gegenüber Homosexuellen erhöht hat und die Väter auf der Flucht erlebt, wird in der Gegenwart Gabrielle von einem Mann und einer Frau besucht. Gabrielle versteckt sich in großer Angst in ihrer kleinen Wohnung, da sie nicht weiß, was das Paar von ihr will.

Obwohl sich der Autor auf den radikalen und dramatischen Ausschluss und Entwicklung gegenüber Homosexuellen fokussiert, wird nicht wirklich klar, warum dies politisch und gesellschaftlich geschehen konnte, auch wenn die Anlehnung an Marie Le Pens und ihrer Partei durchaus erkennbar ist.

Auch wenn das Buch sehr betroffen macht und die liebenden und liebevollen Väter und das ehemals tolerante Miteinander sieht, erinnert die Verfolgung und Gettoisierung der Homosexuellen doch in vielem an die Judenverfolgung im Dritten Reich. Hier hätte ich mir ein wenig mehr Kreativität, Entwicklung und Abstand gewünscht. Zu gleichstellend ist das offensichtliche Schema von rosa Raute und rosa Winkel, der Abfangbrigade und der SS, der verbotenen, entarteten Kunst usw.

Die kleine Geschichte ist eine bedrückende, düstere Dystopie, die sich in der Mixtur von Eigenwilligkeit und Aktualität vom Mainstream heraushebt und darüber hinaus zu einer der seltenen Jugendbuchübersetzungen aus dem Französischen zählt. Leider wird die Entwicklung zur Ausgrenzung und Verfolgung  der Homosexuellen zu sehr mit einer Blaupause zu den furchtbaren Geschehnissen der Judenverfolgung überdeckt, was ein seltsames ambivalentes Gefühl hinterlässt. Aber auch die Angst, dass dieses Zukunftsszenario nicht doch mit dem Zuspruch radikaler nationalistischer politischer Gesinnung Realität werden lässt.

Das Cover fällt trotz seiner Unauffälligkeit und dem schwul klischeebehafteten rosafarbenen Grundton angenehm auf.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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