Die Schönheit der Nacht

Nina George

Knaur Verlag, Mai 2018

256 Seiten, € 18,99

 

 

 

 

 

Zwei Frauen begegnen sich zufällig in einem Pariser Hotel. Claire, die nach einem heimlichen Schäferstündchen gerade ihr Zimmer verlässt, hört auf dem Flur eine wunderschöne, singende Stimme und verharrt einen Augenblick. Aus einem Zimmer tritt eine junge Frau mit Putzutensilien, deren Schönheit Claire auf Anhieb fasziniert. Die beiden nehmen sich kurz und auf eine besondere Weise intensiv wahr und jede geht wieder ihre Wege.

Claire ist Mitte Vierzig, anerkannte Verhaltensbiologin und seit über 20 Jahren mit Gilles verheiratet, der mehr oder weniger erfolgreich Filmmusik schreibt. Kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, wurde Claire schwanger. Obwohl Claire ihren Sohn Nicolas sehr liebt, war er kein Wunschkind.  Als sie deswegen heirateten, machte Claire trotzdem beruflich Karriere. Zwar haben beide keine Scheu davor, mit anderen Partnern immer wieder kurzweilig auszubrechen, jedoch auch nicht den Mut, diese nur noch aus Gewohnheit, Tradition und in einem gewissen Maß auch aus Verantwortung bestehenden Beziehung zu beenden. Doch statt miteinander zu reden, flüchtet jeder auf seine Art.

Wirkliche Liebe und Zuneigung scheinen schon längst verloren gegangen. Den Zustand der stets funktionierenden und finanziell die Familie absichernden Souveränen lässt Claire im Laufe der Zeit emotional immer mehr versteinern. Sie wirkt hart und unterkühlt auf ihre Mitmenschen und Kollegen – ja, auch auf ihre Familie. Gilles hat es aufgegeben, an seine Frau heranzukommen und Claire fragt sich immer wieder, wie sie geworden wäre, hätte sie sich manchmal mehr getraut.

Julie ist eine junge Frau Anfang Zwanzig, die mit ihrer wunderschönen Stimme gerne singt. Doch mit 18 Jahren begann sie sich vor dem Leben zu fürchten und es überfiel sie eine Angst, ihre Freiheiten auszukosten, Grenzen zu übertreten, Dinge auszuprobieren und sich selbst zu erfahren und zu finden.

Auch Julie beschäftigt sich mit der Frage, ob sie es schaffen wird, die zu werden, die sie gerne sein möchte und wer sie überhaupt ist.

Als der 21-jährige Nicolas seinen Eltern seine Freundin Julie vorstellen möchte, ahnen die beiden, dass dieses Mädchen für ihren Sohn etwas besonderes und ernstes ist. Als die junge Frau den Eltern gegenübersteht, ist Claire sprachlos: Julie ist die junge Frau, die ihr im Hotelflur begegnet ist. Auch Julie ist einen kurzen Moment verunsichert, doch dann spielen beide unabgesprochen das Spiel der noch „nie Begegneten“. Die junge Frau wird auf Anhieb mit ihrer dezenten und natürlich-sympathischen Art von Gilles herzlich und deutlich zurückhaltender von Claire aufgenommen. Trotzdem spüren die beiden Frauen Schwingungen zwischen sich, die beide zunächst nicht wirklich deuten können.

Da der letzte Sommerurlaub mit Nicolas in dem Familienhaus in der Bretagne vor der Tür steht, bevor dieser für sein Jurastudium seine Eltern und Paris verlässt, lädt man Julie spontan ein, mit der Familie dort den Sommer zu verbringen.

Dieser Sommer verändert die ganze Familie. Er wird eine Bestandsaufnahme für das Ehepaar Claire und Gilles und eine Spiegelung der Beziehung zwischen Claire und Julie. Die beiden Frauen treffen in ganz unterschiedlichen und dennoch entscheidenden Lebensphasen und mit ähnlichen Lebensfragen aufeinander; sie ziehen sich magisch an und stoßen sich gleichzeitig ab. Claire erkennt in der jungen Leonie ihr eigenes, vergangenes Ich.

Mit ihren wissenschaftlichen, leicht trockenen Gedanken und Einschüben bleibt Claire unnahbar und auf eine gewisse Weise kühl distanziert, bis zu dem Punkt, an dem ihr persönlicher Knoten platzt und sie nach langem Ringen endlich Gefühle zulässt.

In einer poetischen, bilderreichen und sinnlich-empathischen Sprache breitet die Autorin facettenreich die unterschiedliche, tiefgründige innere Zerrissenheit, Sehnsucht und Ambivalenz der beiden Frauen aus und verbindet die sie meisterhaft zu einem Guss. Wie in einem Kammerspiel treffen Claire und Julie als Rivalinnen, als gegenseitig Begehrende und Fordernde aufeinander und begegnen sich einander wie in einem Spiegel.

Eingebettet wird die Handlung in die Landschaft der Bretagne, die mit so vielen Farben, Düften beschrieben wird, dass man sie regelrecht riechen, die vier Sorten Salz schmecken kann und Lust bekommt, sofort dieses Fleckchen Erde zu besuchen. Neben der bretonischen Küste spielt auch der „Tango“ eine wichtige Rolle, wie auch schon in ihrem Roman „Das Lavendelzimmer“. Der Tanz, der mit seiner Musik zwischen Schmerz und Freude, seinen Schritten voller Sinnlichkeit, dem Führen und sich führen lassen menschlichen Beziehungen so ähnelt.

Auch die anderen Familienmitglieder hat Nina George überlegt ausgefeilt, wobei die Frauen über eindeutig mehr Tiefe verfügen.

„Die Schönheit der Nacht“ ist kein Buch, in dem eine Frau über Vierzig in ihrer Midlifekrise plötzlich jammernd feststellt, was sie alles verpasst hat und es übers Holz gebrochen nachholen will. Nein, es macht den Frauen in ihrer zweiten Lebenshälfte leise aber bestimmt Mut, bei erreichtem Leidensdruck in sich zu gehen und noch einmal alles über Bord zu werfen. Sich neu zu orientieren, was nicht völlig verantwortungslos anderen gegenüber geschehen muss. Doch manchmal geht es nicht anders, dabei andere womöglich zu verletzen, um endlich bei sich anzukommen.

Für Nina George betont in ihrer Geschichte unaufdringlich, dass die Liebe, die Lust und die Sexualität einer Frau veränderbar ist und setzt ihr keine Grenzen mit „das darf man aber nicht“ oder „das kann aber nicht so sein“. Wundervoll.

Claire überrascht am Ende noch einmal und wahrscheinlich hat die Autorin ganz bewusst diesen Schluss gewählt, um letztendlich der Entwicklung nicht eine bewusste, nachhaltige Änderung zu geben. Wobei auch dieses Ende interessant gewesen wäre…

„Die Schönheit der Nacht“ ist ein tiefgründiger Roman mit viel feministischer Empathie, philosophisch-klugen Gedanken, den man mit einem stillen Lächeln am Ende aus der Hand legt und der lange im Gedächtnis bleibt.

Ein perfektes Cover lässt das Buch mit wenigen optischen Details anmutig und verführerisch wirken.

Sabine Hoß

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