Das Nachträuleinspiel

Anja Jonuleit

dtv premium, Juni 2018

496 Seiten, € 15,90

 

 

 

 

Annamaria ist 17 Jahre alt und steht kurz vor dem Abitur. Ihre Mutter ist gestorben, als sie noch klein war und ihr italienischer Vater hat sich in sein Heimatland abgesetzt, ohne sich weiter um seine kleine Tochter zu kümmern. Nachdem sie zunächst im Heim untergebracht war, lebt sie jetzt bei einer Pflegemutter, die Alkoholikerin ist und Annamaria von heute auf morgen verlässt, weil sie zu ihrem Freund zieht. Auf sich alleine gestellt und von ihrem Deutschlehrer schwanger, ist sie dennoch hoffnungsvoll, dass sie ihr Leben irgendwie meistert. Annamaria hofft, dass der Vater ihres Kindes seine Versprechungen einlöst und seine Frau verlässt, um mit ihr und eine Familie zu gründen. Doch ihre Hoffnungen zerplatzen, der Deutschlehrer lässt sie eiskalt abblitzen und plötzlich steht die junge Frau ganz alleine da.

Um sich abzulenken, feiert sie mit ihrer Freundin den schmutzigen Donnerstag mit dem Nachtfräuleinspiel, ein karnevalistisches Brauchtum in dem kleinen Ort, irgendwo in der schwäbischen Alb. Während dieser neckischen Spielereien wird Annamaria in einem kleinen Waldstück vergewaltigt und glaubt, den Täter als den Freund ihrer Freundin erkannt zu haben. Ihre Freundin kümmert sich zunächst um die geschockte und traumatisierte Annamaria, doch als diese ihren Verdacht ausspricht, wird sie auch von der Freundin fallengelassen. Schweren Herzens geht Annamaria zur Polizei, die ihr zunächst auch nicht glaubt. Da sie auf keinen Fall wieder zurück ins Heim will, vermittelt die Polizei sie an Liane van Berg, die in dem gleichen Ort wie Annamaria lebt. Liane van Berg ist eine sehr bekannte Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin, die sich mit Fachbüchern rund um Erziehung einen hervorragenden Namen gemacht hat.

Für Annamaria geht ein Traum in Erfüllung. Sie kennt Liane und ihre Familie mit Mann und fünf Kindern vom Zeitung austragen und hat sich immer so eine harmonische, bunte und lebhafte Familie gewünscht. Liane van Berg bietet ihr an, bei ihnen zu leben und sich nach der Entbindung um ihre Kinderschar zu kümmern, da sie viel arbeitet und unterwegs und ihr Mann als Arzt ebenfalls mehr in der Klinik als zuhause ist. So lebt Annamaria in und mit ihrer Traumfamilie, die sich allerdings im Laufe eines Jahres zu einem wahren Albtraum entwickelt.

In (drei) verschiedenen Zeitebenen und drei Kapiteln erzählt Anja Jonuleit die Geschichte und das Beziehungsgeflecht der beiden Frauen und springt dabei von der Gegenwart in verschiedene Zeiten der Vergangenheit.

Liane van Berg wird 2017 in den Focus gestellt sowie rückblickend in mehreren Zeitebenen der Vergangenheit, Annamaria´s Geschichte beginnt 1986. Dieser stetige Wechsel fordert einen aufmerksamen Leser und baut gleichzeitig geschickt eine hoch spannende Handlung auf. Darüber hinaus entwickelt die Autorin auf raffinierte, kluge Weise und mit Tiefgründigkeit die facettenreichen Charaktere und Beziehungen der beiden Hauptfiguren Liane und Annamaria. Mit recherchiertem Hintergrundwissen hinterfragt Jonuleit dabei ohne erhobenen Finger und trotzdem eindeutig kritisch die Steinerschen Walddorfmethoden sowie die furchtbare und leider reale psychotherapeutische Behandlung der Festhaltemethode, die nichts anderes als Kindesmissbrauch mit angewandter physischer wie psychischer Gewalt ist und traumatisierte Kinder hinterlässt. Genauso erschreckend der „Nachdenkraum“ im dunklen Keller, in dem Kinder über ihr Fehlverhalten nachdenken sollen.

Es gelingt der Autorin immer wieder, unerwartete Wendungen und einen überraschenden Schluss zu präsentieren, die das Buch nur ungern aus der Hand legen lassen.

Als Kind haben ihre Eltern Liane nie viel zugetraut und sie entwickelt sich von einer zunächst jungen, naiven Kindergärtnerin im Laufe der Geschichte zu einer hemmungslos selbstgerechten, abgründig-skrupellosen, egoistischen Frau, die hinter der Fassade der Übermutter und eine durch Buch und Fernsehen anerkannte Erziehungsguru ihren eigenen und fremden Kindern nur Leid antut.

Ihr Ehemann Carl hat irgendwann mit einer Form von Haßliebe seine Frau und Familie resigniert akzeptiert. Annamaria schlittert mit ihrem kleinen Baby Stella durch Zufall in dieses Familienkonstrukt und schaut ein Jahr lang hinter diese Fassade, bevor sie mit grausamen Erkenntnissen konfrontiert wird, erwacht und handeln muss.

Die junge Frau Annamaria stürzt von einem Wechselbad der Gefühle ins nächste und reift mit der Verantwortung für ihr Baby Stella. Sie erlebt in einem Jahr in der Familie van Berg einen Albtraum, der sie und das Leben ihres Kindes für immer beeinflussen wird.

Anja Jonuleit hat ein ungewöhnliches und brisantes Thema umfangreich recherchiert und in eine fesselnde Geschichte verpackt. Sie präsentiert ein tiefgründiges Psychogramm einer krankhaft egomanischen Frau, der es lange gelingt, mit „zwei Gesichtern“ zu leben und ihre Kinder, Familie mit einer heilen-Welt-Fassade nach außen vorzuzeigen.

Eine außergewöhnliche und nicht leichte Familiengeschichte in prägnanter, klarer Sprache, die lange nachwirkt.

Das Biedermeier anmutende Cover hat keinerlei Bezug zur Geschichte, was schade ist.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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