1984.4

Philip Kerr

Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn

Mit einem Nachwort von Christiane Steen

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 26.01. 2021

320 Seiten, € 16

ab 14 Jahren

 

Dystopien und Science-Fiction-Romane mit ökologischen Themen, sogenannte „Climate Fiction“ sind gerade brandaktuell, wen wundert`s. Auch George Orwells düstere Zukunftsgeschichte 1984 erlebt gerade mit der Neuübersetzung von Gisbert Haefs eine Renaissance. Die Programmleiterin von Rowohlt Kinder- und Jugendbuch und Übersetzerin Christiane Steen erhielt 2016 das ein Jahr zuvor geschriebene Manuskript zu 1984.4 von Philip Kerr. Immer wieder wollte man gemeinsam über dieses Manuskript sprechen, doch wegen zahlreicher anderer Projekte ergab sich dieses Gespräch nicht mehr und im Frühjahr 2018 verstarb Kerr ein Jahr nach seiner Krebsdiagnose mit 62 Jahren.

Philip Kerr war ein international bekannter Autor, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Krimis (Bernie Gunther) für Erwachsene sowie fantastische Kinder- und Jugendbücher (Die Kinder des Dschinn, Winterpferde und Friedrich der Große Detektiv) geschrieben hat. In seinem Vorwort zum vorliegenden Buch schrieb Philip Kerr, dass 1984.4 zwar George Orwells großem Roman ähnelt, aber dennoch ein ganz anderes Paralleluniversum beschreibt.

Der Roman spielt im Jahr 2034.4. Um ihre Familie zu unterstützen, hat sich die 15-jährige Florence vom Senioren-Service rekrutieren lassen, die auf nicht mehr lebenswerte alte Menschen Jagd machen und sie töten. Die Ausbildung findet in der Burg statt, der Basis-Station des gesamten Senioren-Service und Internat für die angehenden Ruhestands-Vollstrecker. Menschen, die über 50 sind, müssen sich einem CM-Scan unterziehen, bei dem festgestellt wird, wie lange sie noch geistig und körperlich fit sein werden und wann sie mit einem Termin zur freiwilligen Euthanasie rechnen müssen, bei dem sie zwischen Vaporisation und Einäscherung wählen können.

Die Altersschwachen, die sich dem „Ruhestand“ gleich dem vorbestimmten Tod und diesen Regeln entziehen wollen und versuchen zu flüchten, werden vom Senioren-Service verfolgt. Es ist eine Welt ohne Gefühle, ohne freie Meinung, erlaubten Zweifeln und Widerstand, dafür werden alle Menschen von der sogenannten OPS, einer offene Polizei-Streitmacht, überwacht. Unterstützt wird diese durch ein Wristpad, einem elektronischen Überwachungsgerät, das jeder am Handgelenk tragen muss, mit dem jede Bewegung, Äußerung und Tun aufgezeichnet wird.

Florence ist in diesem System aufgewachsen, doch mit den ersten Tötungs-Aktionen des Senioren-Service, an denen sie teilnimmt, kommen ihr langsam Zweifel, denn sie hofft, dass die Zukunft bei den einfachen Menschen liegt und nicht bei den BMWs, der gesellschaftlichen Oberschicht im Staat, die alle Organisationen beherrschen und damit die entsprechenden Ämter besetzen.

Florence hasst nicht nur das Konterfei des schon längst verstorbenen Winston, dem man überall auf großen Bildern begegnet und sich nicht entziehen kann und darf, sondern vor allem seine Hinterlassenschaften als ehemaliger Führer des totalitären Staates.

Als bei ihrer Mutter mit Anfang 50 durch den CM-Scan Demenz erkannt wird, ist Florence verzweifelt, denn der nahe Termin zum „freiwilligen“ Tod ist bereits festgesetzt.

Wie in Orwells Roman beginnt Florence verbotenerweise in einer Welt ohne Bücher und Literatur, mit einem eigenen Jargon und verkürzten Sprache, ein Tagebuch zu führen. Sie bekommt es von Charrington, der einen Antiquitätenladen hat und sie mit persönlichen Erzählungen in eine vergangene Zeit mit anderen Werten führt.

Als sie durch Zufall Eric kennenlernt, der als Witzeschreiber für die Zwei- oder Dreiminutenlacher des Pflicht-Unterhaltungsprogramms arbeitet, das von allen Bürgern täglich angeschaut und mit einem Lachen gewürdigt werden muss, wird ihr klar, dass sie sich in ihn verliebt hat und er diese Liebe erwidert. Mit Vorsicht öffnen sich die beiden gegenseitig und bald wissen sie, dass sie gleiche Zweifel an diesem Staat haben und einander vertrauen können, so dass eine Revolution denkbar ist.

Mit 1984.4 hat Philip Kerr keinen Abklatsch von George Orwells 1984 geschrieben und auch nicht versucht, die Vorlage weiterzuentwickeln, auch wenn das vorliegende Buch durchaus von ihr beeinflusst ist. Trotzdem würde man spoilern, wenn man die fein geschickt eingewebten Paralleln im Einzelnen nennen würde.

Mit Tempo, einem spannenden und dynamischen Handlungs- und Spannungsaufbau entführt er in eine neue, düstere Zukunft, die so betroffen macht, weil dieses Paralleluniversum in einigen Teilen leider gar nicht so fern erscheint und durchaus vorstellbar ist.

Seine Hauptperson Florence entwickelt sich von einer gesetzeskonformen, gefühlsarmen Mörderin zu einer alles in Frage stellenden Revoluzzerin, die auf die Unterstützung anderer Gleichdenkender rechnen kann. Grund für diese Wandlung und mit ihr Unmögliches real werden zu lassen, ist schlicht und ergreifend die Liebe und die Erkenntnis, dieses Gefühl zuzulassen und zu leben.

Philip Kerr präsentiert einen bedrohlich-fesselnden, nachdenklich machenden Zukunftsroman in einem Paralleluniversum, das hoffentlich nie unserem nahe kommt.

Wie Christiane Steen in ihrem Nachwort schreibt, scheint es, dass das posthum letzte und jetzt veröffentlichte Buch von Philip Kerr, der von der Vorstellung von Parallelwelten fasziniert war, 2015 diesen Roman aus einem solchen Universum geschrieben hat. Und wer weiß, vielleicht schreibt Philip Kerr irgendwo in einem anderen Universum weiter. Damit schließt sich der Kreis zu einer weiteren Parallele zu George Orwell, der den bis heute andauernden Erfolg des 1949 erschienen Romans „1984“ nicht erleben konnte, da er im Januar 1950 mit 46 Jahren viel zu früh verstarb.

Das schwarz-rot gehaltene Cover mit einem angedeuteten Auge und weißem Schriftzug des Autors rundet den Inhalt stimmig ab.

Sabine Wagner

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