Kampala – Hamburg. Roman einer Flucht

Lutz van Dijk

Querverlag Berlin, 2020

192 Seiten, € 12,00

ab 14 Jahren

 

 

 

Aufmerksam gemacht wurde ich über dieses Buch durch die Nominierung der Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2021.                                                                                        2002 wurde der Autor Lutz van Dijk schon einmal mit seinem Sachbuch „Die Geschichte der Juden“ (Campus Verlag) von der erwachsenen Kritikerjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.  

Der deutsch-niederländische Autor, promovierter Philosoph, Pädagoge und Historiker lebt seit zwanzig Jahren in Amsterdam und Kapstadt, Südafrika. In Kapstadt war er 2001 Mitbegründer eines Hauses für von Aids betroffene Kinder- und Jugendlichen und engagiert sich hier in der Stiftung HOKISA bis heute.

In diesem Roman baut Lutz van Dijk mit einer bewegenden und erfundenen Geschichte, die aber real sein könnte, eine Brücke zwischen den beiden Kontinenten Afrika und Europa und den so unterschiedlichen Großstädten Kampala und Hamburg.

David, 18 Jahre alt, lebt in Hamburg bei seiner alleinerziehenden Schwester Michelle und ihrem kleinen Sohn Marco. Da Davids Eltern sich seit Jahren nur noch streiten, ist Michelle bereits vor einiger Zeit ausgezogen und ist im letzten Ausbildungsjahr zur Einzelhandelskauffrau. Als David seinen Eltern mitteilt, dass er schwul ist, begegnet ihm großes Unverständnis. David hält diese Atmosphäre neben den ständigen Streitereien irgendwann nicht mehr aus und zieht zu seiner Schwester. Er steht kurz vor dem Abitur und arbeitet nebenher in einem Supermarkt, um einen kleinen finanziellen Beitrag zu der harmonischen „Regenbogenfamilie“ dazu zusteuern.

Zum Ausgleich geht David gerne abends ins mhc und zu der Q-Wir Jugendgruppe, einem Ort, an dem sich homosexuelle Jugendliche treffen, kennenlernen können. Angeschlossen ist der Kellerraum „Safe Space“, ein Treffpunkt, der besonders für Flüchtlinge gedacht ist, damit sie sich dort sicher fühlen können. Hier trifft sich David regelmäßig mit seinem besten Freund Martin, aber auch mit Igor und Hassan und anderen schwulen oder lesbischen Freund*innen. Über das Datingportal „Planet Romeo“ trifft David mit seinem Profilnamen Work for Love zufällig auf Freedom Fighter 4, der ohne Foto nur die Frage auf Englisch postet:

“Wer hilft mir, hier wegzukommen?”

David aus Hamburg antwortet sofort darauf, und verspricht Freedom Fighter 4, ihn in Hamburg aufzunehmen und alles zu tun, um ihm zu helfen.

Freedom Fighter 4 ist der sechzehnjährige David, der mit seiner Mutter, die Krankenschwester ist, in Kampala, der Hauptstadt von Uganda lebt. Auch David ist schwul, was für seine Mutter überhaupt kein Problem darstellt, die ihren Sohn so liebt, wie er ist.

In Uganda müssen Homosexuelle ein Doppelleben führen, umso wichtiger sind für sie Treffpunkte, wo sie sich vermeintlich sicher begegnen können. In Kampala trifft sich David mit fünfzehn anderen jugendlichen Schwulen und Lesben in der Sunshine Bar. Als es hier an einem Samstag zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung kommt, muss die Barbesitzerin die Polizei rufen, um Schlimmeres zu verhindern. Das hat zur Folge, dass die Schläger der Polizei glaubhaft machen können, dass die Sunshine Bar neben einem Treffpunkt für Touristen auch ein „Geheimer Treffpunkt von Abartigen ist, die dort ihre Sünden ausleben“. Die Sunshine Bar fällt damit weiterhin als Treffpunkt weg. Davids Mutter bietet den Jugendlichen an, sich bei ihr einmal in der Woche heimlich zu treffen, was so unauffällig wie möglich passieren muss, weil es für alle eine große Gefahr bedeutet.

Als David in Kampala beim Sex mit seinem Freund Julian von dessen Vater überrascht wird, droht der Vater voller Abscheu seinen Sohn mit einem Spaten zu erschlagen. David kann flüchten, ist aber verzweifelt, weil er seinen Freund ohne Hilfe zurücklassen musste und um dessen Leben bangt. Doch nicht nur das Leben von David ist jetzt in Gefahr, auch das seiner Mutter. Sie erhält plötzlich vom Pastor ihrer Gemeinde eine Anzeige wegen Beherbergung einer kriminellen Vereinigung. Nachdem Davids Mutter ein zweites Mal vom Polizeirevier kommt, ist klar, dass Davids Leben in Lebensgefahr ist und er sofort aus Kampala verschwinden muss.

Lutz van Dijk gelingt es, auf eine nicht der Jugendsprache anbiedernde Weise, die beiden völlig unterschiedlichen und auch gegensätzlichen Leben der beiden Jugendlichen und den gesellschaftlichen Lebensformen in den beiden Großstädten Kampala und Hamburg zu verbinden. Während David in Hamburg seine Homosexualität offen zeigen und leben kann, ohne dass man ihm nach seinem Leben trachtet, muss David in Kampala darum fürchten; er darf sich nie offen zeigen, so wie er ist. Nur eine Flucht in ein Land, in dem er ungestraft lieben darf, ist für ihn ein Lebensgarant. Bewegend, aufrüttelnd beschreibt der Autor in abwechselnden Kapiteln aus der Sicht von David in Kampala und später auf seiner Flucht und David in Hamburg, die immer enger werdende Beziehung, die alleine auf einem Chat-Austausch beruht. Ohne jeden sentimentalen oder kitschigen Abrutsch liest man hier berührende Dialoge von zwei Jugendlichen, die aus völlig unterschiedlichen Welten aufeinandertreffen. Für David aus Hamburg gibt es keine Frage, keinen Zweifel, Freedom Fighter 4 bei seiner Flucht zu unterstützen und hält auch sein Versprechen. Die Flucht von David aus Kampala über Kigali, der Hauptstadt in Ruanda, Lagos in Nigeria und weiter nach Istanbul, Türkei erzählt der Autor mit einer gewissen Unaufgeregtheit, die betroffen macht, denn hier muss ein sechzehnjähriger von heute auf morgen seine Mutter, seine Freunde, seine Heimat verlassen, weil er nicht so leben darf, wie er ist.

Lutz van Dijk fasst hinter dieser Fluchtgeschichte politische Ereignisse in Ruanda, aber auch in anderen Teilen der Welt, zusammen, die in Verbindung mit der Verfolgung sexueller Minderheiten stehen. Mit Fußnoten ergänzt er Fakten und Hintergründe in einem Glossar am Ende des Buches.

Ein unglaublich beeindruckender und bewegender Roman von Lutz van Dijk, der diese Geschichte für Jugendliche und Erwachsene nicht „über“ Homosexualität geschrieben hat, wie andere heterosexuelle Autor*innen, sondern als Betroffener weiß, dass es ein Privileg ist, in Ländern sein und lieben zu dürfen, wie man ist.

Herausgegeben ist das Buch, zu dem es auch Unterrichtsmaterial gibt, von dem kleinen, feinen Querverlag in Berlin, entdeckt und zu Recht zum Deutschen Jugendliteraturpreis von der Jugendjury nominiert.

Ich wünsche diesem Buch den Preis von der Jugendjury und dass es eine selbstverständliche Schullektüre wird.

Sabine Wagner

 

 

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