Jockels Schweigen

Adriana Stern

Jacoby & Stuart, Februar 2011

320 Seiten, € 14,95

ab 14 Jahre

Inhalt:

Die Liebe und Leidenschaft des zehnjährigen Jockel gehört dem Film. Als er eine Filmagentur in seiner Stadt entdeckt, die nach Talenten suchen, möchte Jockel natürlich unbedingt dorthin. Doch seine Eltern sehen das nüchterner. Jockel soll erst in seiner Schultheater-AG die nötigen Grunderfahrungen sammeln und dann lieber etwas „vernünftiges“ lernen. David, Jockels älterer Bruder versteht ihn und fälscht die Unterschrift seiner Eltern für die Einverständniserklärung der Filmagentur, obwohl sein bester Freund Chip die beiden vor dieser Agentur warnt, ohne dies aber zu begründen. Zunächst ist Jockel absolut begeistert von der Agentur, was David beruhigt, denn er genießt mit seinen 16 Jahren seine erste große Liebe mit Julie, der Schwester seines Freundes Chip. Doch Jockel verändert sich immer mehr. Er schwänzt die Schule, kommt immer später nach Hause, sein ganzes Wesen verwandelt sich irrational. Jockel ekelt sich vor Speisen, die er sonst gerne mag, wirkt aufbrausend, dann wieder verschlossen und redet in einer aggressiven, primitiven Sprache, die nicht zum Umgangston der Familie gehört. David macht sich große Sorgen und beobachtet ähnliches Verhalten auch bei Chip. Gemeinsam mit Julia versucht er herauszubekommen, was sich eigentlich hinter dieser Filmagentur verbirgt. Dabei geraten die beiden in bedrohliche Situationen und entdecken etwas furchtbares, bei dem sie auf professionelle Unterstützung angewiesen sind.

Rezension:

Zunächst erscheint die Geschichte ganz ruhig. Aus zwei unterschiedlichen Erzählebenen beschreiben David und Chip/Jeff ihre Gefühle und Gedanken. Während David seinen Freund Jewdokim den Spitznamen „Chip“ gegeben hat, wird er in der Welt der Erwachsenen als „Jeff“ bezeichnet. David wundert sich, dass Chip immer über so viel Geld verfügt, sich damit immer die aktuellsten, tollsten Videospielen und teure Kleidung kaufen kann. Aber jedes Mal, wenn David ihn auf bestimmte Fragen anspricht, blockt Chip ab oder reagiert völlig über und lässt David plötzlich stehen. Aber die Liebe zu Computerspielen und das gemeinsame Programmieren bringt sie immer wieder zueinander, nicht zuletzt auch die Tatsache, dass Chips Eltern einen Billardsalon haben, in dem David seine große Leidenschaft Snooker nachgehen kann. Diese etwas komplizierte Freundschaft wird nicht einfacher, als sich David in Chips Schwester Julie verliebt und diese auch erwidert wird. Nicht ohne schlechtes Gewissen fälscht David für seinen kleinen Bruder Jockel die Unterschrift der Eltern für die Einverständniserklärung für den Beitritt zu einer Filmagentur. Als Chip davon erfährt, ist er außer sich und warnt die beiden vor der Agentur, will aber keine Gründe dafür nennen. David denkt über dieses wieder mal sonderbare Gebaren nicht weiter nach, denn sein kleinerer Bruder hat es mit seiner Liebe zu Theater und Film ohnehin schon schwer, sich bei den Eltern durchzusetzen, außerdem haben die Eltern gerade genug eigene Sorgen. Während David mit Julie auf der verliebten Wolke sieben tanzt, sich Chip zwischen Eifersucht und wohlwollendem Verhalten abweisend und dann wieder freundschaftlich verhält, bemerken weder David noch seine Eltern, wie sehr sich der zehnjährige Jockel verändert. Innerhalb drei Monaten mutiert er zu einem ausgebrannten, seelenlosen Menschen, der sich völlig unkontrolliert und unverständlich verhält. Die zunächst harmlos anmutende romantische Liebesgeschichte verflechtet sich immer mehr in eine dramatische Familiengeschichte und einem Jugendkrimi mit einem furchtbaren Tabuthema, das bisher kaum jugendgerecht lesbar gemacht wurde. Man erlebt, wie rasch und unabsehbar eine Familie in das Thema sexueller Missbrauchs hineinrutschen kann. Das vielbeschäftigten Eigenleben der Eltern bleibt unaufmerksam gegenüber der schnellen Entwicklung, wie ein aufgeweckter, pfiffiger und charmanter Junge innerhalb von drei Monaten zu einer abgestumpften, verwirrten und hilflosen Hülle verkümmert. Erst als die Schule sich meldet und auf Jockels Schulschwänzen und alkoholisierten Erscheinen aufmerksam macht, reagieren erstmals die Eltern. In einer klaren, direkten Sprache lässt die Autorin die verschiedenen Gedanken, Gefühle und Ängste der Jugendlichen erzählen. Sie deckt sensibel und dennoch unmissverständlich das Tabuthema des sexuellen Missbrauchs von Jungen auf und hebt merkwürdige, dennoch „klassische erste Anzeichen“ sexuellen Missbrauchs hervor.  Man wird mit einer perfiden Verführung männlicher Erwachsener konfrontiert, die die Langeweile und Einsamkeit der Kinder schamlos mit gewalttätigen, sexuellen Handlungen zur Befriedigung ihrer Gelüste missbrauchen. Fast ohmnächtig sieht man dem ganzen Tun zu, dem das Deckmäntelchen einer sozialen Auffangstation für Jungs übergestülpt wird. Adriana Stern schafft es in ihrer Geschichte ohne Rührseligkeit zu zeigen, wie hilflos, manipuliert sich die Kinder fühlen, sich perverserweise letztendlich noch selber für das Geschehen schuldig machen, was sie ängstlich verstummen lässt.  Auch wenn das ein oder andere bei der Aufdeckung des Geschehens von David und Julia (fast) im Alleingang in Teilen unschlüssig und überzogen erscheint, bleibt es eine unter die Haut gehende Mischung einer Liebes-, Familiengeschichte und einem Jugendkrimi. Man kann nur hoffen, dass dieses Buch dazu beiträgt, den Opfern Mut zu machen, das Schweigen über ihre Peiniger zu brechen und ihnen aus ihrer beschämten Hilflosigkeit zu helfen.

Inspiriert zu dieser Geschichte wurde die Autorin übrigens von einem traurigen, realistischen Geschehnis, dass sich 2008 in Berlin zugetragen hat – und sich gerade in diesem Moment in einer anderen Stadt wiederholt.

Sabine Hoß

Bewertung:

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