Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich (Band 1)

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Finn-Ole Heinrich

Rán Flygenring

Durchgehend zweifarbig illustriert

Hanser, Juli 2013

176 Seiten, € 12,90

ab 10 Jahre

 

Inhalt:

Paulina heißt eigentlich Paulina Klara Lilith, als Krönung folgt ein einfaches Schmitt. Doch das findet Paulina alles ziemlich doof und da sie oft und gerne ziemlich wütend wird, wird sie von allen nur Maulina genannt, was ihr auch gut gefällt. So hat sie ihr Zuhause auch ihr Königreich Mauldawien genannt, wo sie sich bisher mit ihren Eltern und ihren beiden Schildkröten Lenny und Roy wohl gefühlt hat. Bisher, denn ihre Mutter ist mit Maulina kurzerhand aus der wunderbaren,geräumigen 4-Zimmerwohnung mit einem gefräßigen Holzfußboden ans andere Ende der Stadt in ein kleines, quadratisches, muffeliges Plastik-Haus eingezogen, in dem sogar der Boden aus Plastik ist. Maulwina ist krachsauer auf ihre Mutter und noch viel mehr auf ihren Vater. Denn nennt sie fortan nur noch „der/den Mann“, selbst ihre Freunde dürfen seinen Vornamen nicht mehr in den Mund nehmen. Maulwina glaubt, dass ihr Vater eine Freundin hat und deshalb die Mutter mit ihr aus ihrem Königreich ausgezogen ist. Während sie in dieser kleinen, hässlichen Plastikbude leben, residiert ihr Vater alleine in dem herrlich großen Mauldawien, was Maulwina so schreiend ungerecht wie unfassbar findet. Ihr Großvater, der General von Käse, gibt ihr mit seiner höchst eigenen Lebenserfahrung und Einstellungen Halt und zeigt ihr neue Sichtweisen. Zunächst will Maulwina nichts von der neuen Schule, geschweige denn von neuen Spielkameraden wissen. Bis eines Morgens Paul auf der Matte steht. Er wohnt eine Straße weiter und holt, ohne groß und viel vorher zu fragen, Maulwina für den gemeinsamen Schulweg ab. Obwohl Paul so ganz anders ist als Maulwina, freunden sich die beiden an. Maulwina stellt fest, dass einige Dinge gar nicht so sind, wie sie es sich vorgestellt hat. Die Realität ist trotzdem nicht viel einfacher und besser als ihre Vorstellungen, trotzdem lernt sie, dass es im Leben trotz Abschied und Veränderungen irgendwie immer weiter geht, solange man nicht alleine ist und gute Freunde an seiner Seite hat.

 

Rezension:

Finn-Ole Heinrich hat 2012 für sein freches, anarchisches Kinderbuch „Frerk, du Zwerg!“ (ars edition, 2011) den Jugendliteraturpreis erhalten. Wie „Frerk“ ist auch „Maulina Schmitt“ eine Gemeinschaftsarbeit mit der Illustratorin Rán Flygenring, die die Abenteuer von dem kleinen, wütenden Mädchen mit herrlich schräg-skurrilen Bildern und Cartoons zu einer perfekten Einheit verbunden hat.

Der Autor lässt uns mit seiner fantasiereichen Wortakrobatik, die ein Feuerwerk an verrückten, originellen Ideen präsentiert,  in die Gedankenwelt der 10-jährigen Maulwina eintauchen. Maulwina ist schwierig, oft sehr wütend, chaotisch und trotzdem liebenswert und nachvollziehbar. Heinrich hat den Mut, sprachlich ganz neue Wege zu gehen, die mit ihrer Ausgefallenheit ein wenig abgedreht erscheint, aber er weiß sehr genau, seinen eigenen Humor und Stil vor Lächerlichkeit und Oberflächlichkeit zu bewahren.

Die Geschichte zeigt, dass Erwachsene ihre Probleme damit haben, mit ihren Kindern offen und klar zu reden und dabei den „richtigen“ Zeitpunkt oft verpassen. Da ist es nicht verwunderlich, dass Maulwina sich ihr eigenes Bild zusammen zimmert, mit den entsprechenden Folgen für alle Familienmitglieder. So wird im Laufe der Handlung klar, dass der Grund des Auszugs mit ihrer Mutter aus Mauldawien gar nicht eine Freundin ihres Vaters ist, sondern dass die Mutter unheilbar erkrankt ist. Die Mutter weiß, dass sie ihr bisheriges Leben schon bald nicht mehr so leben kann und Pflege braucht. Aus Angst, ihrem Mann zur Last zur fallen und nicht auch noch sein Leben zu zerstören, hat sie sich dazu entschlossen, in dieses Plastikhaus mit den vielen Griffen zu ziehen. Diese Tatsache ängstigt die Mutter und sie ist sich nicht sicher, ob dieser Schritt wirklich der richtige ist, aber im Moment hält sie ihn für gut. Maulwina ist genauso verängstigt und verwirrt wie ihre Mutter, doch ein offenes Gespräch hilft ihr. Außerdem ist da auch noch ihr Großvater, der General für Käse, eine herrlich schräge Type mit einem liebenswerten, warmherzigem Charme. Das Ende der Geschichte und viele Fragen bleiben offen, so z.B., ob Maulwina sich wieder mit ihrem Vater, „dem Mann“ verträgt, ob er wirklich keine andere Freundin hat und wie es mit der Mutter weitergeht. Doch das erstaunliche Abenteuer der Maulina Schmitt wird weitergehen; im Frühjahr 2014 mit „Ein sattes Herz“ und im Herbst 2014 folgt der Abschlussband „Welt im Wackeln“. Die Titel lassen vermuten, dass die Geschichte weiterhin „ungewöhnlich, spektakulär und grenzenlos mirakulös“ bleibt. Mit dem Auftakt  in Maulwinas kaputtes Königreich ist dem Duo Heinrich-Flygenring ein gelungener Start in eine dreiteilige Geschichte gelungen, die sprachlich ausgefallen und mit vielen außergewöhnlichen Ideen, Zeichnungen, Cartoons von Abschied, Verlassen werden und der Suche nach einem eigenen Weg erzählt. Sie zeigt, dass es nicht nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse sondern viele, viele Facetten dazwischen gibt.

„Manches ist eben so, wie es ist.“

Erwachsene werden genauso viel Spaß mit diesem Buch, dass zum Nachdenken und Nachfragen anregt, beim Vorlesen haben wie die zuhörenden Kinder.

Das Cover wie auch die 84 zu suchenden und markierenden Topfpflanzen im Innenteil zeigen schon, wie „phantasmagorisch“ anders dieses Kinderbuch ist.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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