Die grosse Wildnis – Band 1

Die Grosse Wildnis von Piers Torday

Piers Torday

Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis

cbj, November 2013

384 Seiten, € 16,99

ab 10 Jahre

 

 

Piers Torday stammt aus Northumberland, England. Einem Landstrich, in dem er wohl einer bunten Tierschar begegnet ist, die ihn Jahre später zu dieser wunderbaren Geschichte inspiriert haben. Bevor Torday diesen ersten Roman geschrieben hat, arbeitete er als Autor am Theater und für Live-Comedy-Shows und als Entwickler für Programmideen.

Der zwölf Jahre alte Kester lebt in einem Mentorium, einer Anstalt für verhaltensauffällige Kinder. Als vor sechs Jahren seine Mutter starb, verschleppten Unbekannte ihn dorthin. Kester hat keine Ahnung, warum er überhaupt da ist und spricht seitdem kein einziges Wort mehr. Ebenfalls vor sechs Jahren ist die Rote Pest ausgebrochen. Eine Krankheit, die den Körper und Verstand der Tiere zersetzt, aber offensichtlich nicht auf den Menschen übertragbar ist. Die Seuche grassierte so lange, bis schließlich alle Tiere der Welt vernichtet waren. In dieser Zeit warf der riesige Konzern Facto den Mahlzeitenersatz in allen Geschmacksrichtungen bei gleichbleibender Farbe „Formula“ auf den Markt. Frische Lebensmittel und normales Essen verschwand, denn „Formula“ deckt den Nahrungs- und Vitaminbedarf.

Als Kester auf eine Kakerlake trifft, die mit ihm spricht und die er auch versteht, glaubt er, verrückt zu werden. Als kurze Zeit später ein Schwarm Tauben in seinem Zimmer ihn um Hilfe bitten, zweifelt er noch immer. Doch die Kakerlake erklärt ihm, dass er  eine besondere Gabe hat, die die wenigen Tiere retten kann. Kester überlegt nicht lange und flieht mit Hilfe der Tiere aus dem Mentorium, denn erstens will er den Tieren helfen und zweitens will er endlich wieder nach Hause.

Auf seiner gefährlichen und spannenden Reise nach Hause lernt Kester neben anderen Tieren den alten und mächtigen Hirsch kennen. Mit ihnen durchquert den Ring des Waldes bis zur Sturmhöhe. Hier lernt er das Mädchen Polly und ihre Katze Sidney kennen. Sie wartet seit Tagen auf ihre Eltern, die aufgebrochen sind, um ein wenig Formula zu ergattern, da ihre Nahrungsmittel aus natürlichen Produkten aufgebraucht sind. Mittlerweile ist man Kester auf den Fersen, allen voran Captain  Skuldiss, der ihn im Auftrag von Facto  sucht, was ihre Flucht zusätzlich erschwert. Sie überqueren die Straße der Fische und landen auf einer alten Farm.

Bevor Kester, Polly und die Tierschar Premia, Kesters Heimatstadt erreichen, bringen sie ihn zu einem verborgenen Ort, an dem die letzten Tiere sich zum Sterben versammelt haben. Ein Ort, den Kester bestürzt und antreibt, den letzten Tieren zu helfen.

Obwohl sich in Premia vieles dramatisch verändert hat, trifft Kester seinen Vater in seinem alten Zuhause wieder. Kann er die Tiere wirklich retten, ohne dass Facto davon etwas erfährt?

In sechs Abschnitten (siehe Fettdruck) ist der bilderreiche Abenteuerroman aufgebaut. Tordays leicht zu verstehende Sprache ist gefühlvoll, klar und mit schönen poetischen Nuancen, die stets auf Augenhöhe von Kinder bleiben. Die Geschichte ist nicht eindeutig einem Genre zuzuordnen. Es ist eine kluge und fantasievolle Mischung von Märchen, Parabel und durchaus auch Dystopie. In dieser besonderen Kombination macht der Autor auf die Abhängigkeit und die Gemeinschaft von Mensch und Tier aufmerksam und weist, ohne den moralischen Finger zu heben, auf bestehende Missstände in der Nahrungsmittelindustrie hin.

Obwohl „sprechende“ Tiere neben Kester und Polly die Hauptprotagonisten sind, sind diese alles andere als kitschig, dafür jedoch lebendig und sympathisch. In ihre ganz unterschiedlichen Charaktere und Eigenschaften wird sich der junge (wie auch ältere) Leser mühelos hinein versetzen können.

Da gibt es einen vorlauten, frechen jungen Wolf, eine tanzwütige Feldmaus, eine tollpatschige weiße Taube mit Hang zu philosophischen Gedankenspielereien. Torday lässt dem Spannungsaufbau Zeit und Raum. Er balanciert gekonnt im Handlungsverlauf immer wieder dramatische Höhepunkte und ruhige Passagen im Wechsel. Auch wenn die Geschichte eine nicht positive Entwicklung unseres Zusammenspiels mit der Natur und Tierwelt präsentiert, hat der Autor (als typischer Engländer) den (über-)lebensnotwendigen Humor nicht vergessen. Natürlich wird Kester als Mensch und Retter der Tiere in den Vordergrund gestellt. Es bleibt aber am Ende offen, ob ihm (mit Hilfe seines Vaters) diese Rettung gelingt.

Auch wenn ich ansonsten ungern Reihen lese oder den ersten Band von… bin ich bei dieser fantastischen und fesselnden Tiergeschichte, die von Jungen wie Mädchen von jung bis erwachsen gelesen werden kann, sehr gespannt auf die Fortsetzung. Und das soll was heißen. 😉

Petra Koob-Pawis hat mit Humor und kindgerecht dem Roman die passende Atmosphäre und Sprache geschenkt.

Das Cover (Thomas Flintham/*Zeichenpool, München) ist mehr als gelungen, fabelhaft! (was selten genug so zu bewerten ist.)

Sabine Hoß

Bewertung:

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