Mut ist der Anfang vom Glück

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Heike Karen Gürtler

Thienemann, August 2016

256 Seiten, € 12,99

ab 13 Jahren

 

 

 

Kim, Lea und Sophie sind seit vielen Jahren ein enges Trio, das durch dick und dünn geht. Nach den Sommerferien beginnt für die 16-jährigen ein neues Schuljahr und wieder eine spannende Zeit und es stellt sich die Frage, welche Beziehung sich mit welchen Jungs anbahnt. Die drei besten Freundinnen sind von ganz unterschiedlichem Temperament, doch die Lust auf Partys und auf Jungs teilen sie gemeinsam. Bei letzterem tut sich allerdings Kim ziemlich schwer. Sie kann dem dauernden Gerede um Jungs nicht viel abgewinnen; es gibt auch keinen, den sie heimlich oder offen anhimmelt oder mit dem sie gerne näher zusammen wäre. Das fällt auch Kims Eltern auf, die, konservativ wie sie sind, gerne nervend bei diesem Thema nachhaken, so dass ihre Tochter immer wieder erklären muss, warum noch keinen Freund hat. Kim fragt sich auch, warum sie kein Interesse an Jungs hat und schiebt das zunächst auf ihren introvertierten Charakter oder eine Spätzünderin zu sein. Sie wägt allerdings auch ab, ob sie sich vielleicht mehr für Mädchen interessiert, denn als sie auf einer Party mit Marek tanzt und er sie, mit Alkohol mutig getrunken, immer enger umschlungen hält, rastet Kim plötzlich aus, weil sie die Nähe zu dem Jungen nicht ertragen kann. Sie schubst ihn so ruppig von sich weg, dass er heftig hinfällt und läuft ohne jedes weitere Wort von der Party weg und lässt ihre Freundinnen völlig ratlos zurück.

Als Ella neu in die Klasse kommt, ist Kim vom ersten Augenblick an von ihr wie verzaubert. Ellas unauffällige, Ruhe ausströmende Art fasziniert Kim wie ihr Äußeres. Bei einem Gespräch mit Kims Freundinnen erklärt Ella unaufgeregt, dass sie nicht auf Jungs steht, was Kim ungeheuer mutig findet und bewundert, die Freundinnen kurz sprachlos macht, dann aber weiter unbeeindruckt mit Ella umgehen.

Kim und Ella tun sich für eine Projektarbeit zusammen und Kim merkt, wie gern sie bei Ella ist und wie sehr sie ihre Nähe genießt. Zwischen den beiden Mädchen entwickelt sich eine innige Nähe, bei der Kim spürt, dass diese weit mehr über Freundschaft hinausgeht. Sie stellt fest, dass sie Ella gerne zärtlich berühren, küssen und umarmen würde, traut sich aber nicht. Völlig verwirrt von diesen Gefühlen muss sich Kim eingestehen, dass sie, wie Ella, nicht auf Jungs, sondern auf Mädchen steht. Zunächst muss sie selbst mit dieser Erkenntnis klar kommen, was ihr genauso schwer fällt wie die Frage, wie sie ihre Homosexualität ihren Eltern und Freundinenn sagen soll. Sie hat Angst, dass Lea und Sophie sie fallen lassen, verändert sich doch bereits seit einiger Zeit ihre Freundschaft. Von ihren Eltern ganz zu schweigen, die konservativ und engstirnig sind. Durch einen Zufall trifft sie wieder auf Marek, der ihr ihre brüske Abweisung längst verziehen und sich für sein unsensibles Herangehen entschuldigt hat. Die beiden kommen ins Gespräch und es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen. Marek ist auch derjenige, der Kim immer wieder Mut macht, zu ihren Gefühlen zu stehen, ihre Liebe endlich Ella zu gestehen und sich auch gegenüber ihren Freundinnen und Eltern zu outen. Für Kim ist das eine große Herausforderung, zu der ihr der Mut fehlt. Doch wenn sie Ella nicht verlieren will, muss sie sich und ihren Gefühlen stellen.

Heike Karen Gürtler spricht mutig und offen das in der Jugendliteratur so selten beschriebene Thema der lesbischen Liebe an. Bilderreich und emotional beschreibt sie das nachvollziehbare, chaotische Gedankenkarussell und die Gefühlsachterbahn von Kim auf ihrem Weg zu sich selbst. So authentisch der innere Kampf Kims ist, zu sich und ihren Gefühlen zu stehen, so sehr stören leider dabei einige überzeichnete Figuren und Handlungsebenen.

Kim ist eingebettet zwischen einer natürlich wunderschönen Freundin, die mit 16 Jahren ständig auf erfolgreichen Männerfang ist und in diversen Betten liegt und der sportlichen Lea, deren ständiger Bewegungsdrang schon krankhafte Züge aufweist. Auch wenn es für das grundlegende Thema nicht wirklich wichtig ist, stören diese klischeebehafteten Mädchen im Lauf e der Handlung immer mehr. Nett, aber ebenso etwas gewollt der schnelle Zufall, dass Kim dann (ausgerechnet) mit Marek eine tiefe, richtungsweisende Freundschaft verbindet. Schlüssiger sind dagegen die konservativen Eltern, die noch eine Weile brauchen werden, ihre Tochter so zu akzeptieren, wie sie ist.

Ella erscheint auf dem ersten Blick sympathisch, mutig und tough, ist mit sich und ihrer Homosexualität im Reinen. Umso unerklärlicher und Sympathie schwindend ihr Verhalten, auf Kim den Druck auszuüben, so schnell wie möglich ihre neu entdeckte lesbische Liebe zu outen. Gerade sie müsste doch Verständnis dafür haben und wissen, dass es dafür ein wenig Zeit braucht – auch wenn man jung, schnell und dynamisch mit 16 ist.

Die Autorin beschreibt sehr einfühlsam, facettenreich den schwierigen aber erfolgreichen Weg von Kim zu sich und dem Eingeständnis, dass es völlig egal ist, wen man liebt, sondern dass es wichtig ist, dass die Liebe ehrlich und mit Liebe und Respekt dem anderen gegenüber ist.

Die Rahmenhandlung und andere Figuren und Handlungspunkte bleiben oberflächlich, sind teils zu klischeehaft und gewollt, an anderen Stellen gibt es auch kurze Längen und ein wenig Humor hätte dem Plot auch nicht geschadet.

Trotzdem eine Geschichte, die Mut macht, zu sich und seinen Gefühlen, seiner Liebe zu stehen – auch wenn sie anders ist wie andere.

Sabine Hoß

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