No place, no home

No place, no home

Morton Rhue

Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Ganslandt

Ravensburger, Mai 2013

288 Seiten, € 14,99

ab 12  Jahre

 

Inhalt:

Daniel steht kurz vor dem Highschool-Abschluss und hofft als talentierter Baseballspieler auf ein Stipendium. Seine Eltern sind schon länger arbeitslos, dabei hat seine Mutter viele Jahre erfolgreich als Portfoliomangerin gearbeitet, bevor die Firma pleite gegangen ist und sie nun seit mehr als vier Jahren arbeitslos ist. Sein Vater hat die Rolle des Hausmanns schon früh gerne übernommen, da sein Beruf als Sozialarbeiter und Sportbetreuer weniger Geld einbrachte. Weil die Stadt kein Geld mehr für Sozialprojekte hat, wurde jedoch auch sein Job bald gekündigt. Die Schulden häuften sich, selbst für die alltäglichen Ausgaben wurde das Geld immer knapper und die Raten für das Haus waren nicht mehr zu schaffen. Da die Zwangsversteigerung bevorsteht, müssen Dan und seine Eltern kurzfristig eine neue Bleibe finden und ziehen zu dem Bruder der Mutter. Nur vorübergehend, wie es heißt. Doch Onkel Ron ist von dem Familienzuwachs alles andere als begeistert, nicht nur weil er seinen Schwager für einen Versager hält. In der Situation ohne ein eigenes Zuhause ist Dan und seine Familie nicht alleine. Immer mehr Menschen sind ohne Job und Geld und können ihr Haus oder Wohnung nicht mehr bezahlen. Aus diesem Grund hat die Stadt im großen Stadtpark ein Zeltlager als Notquartier für die immer größer werdende Zahl der Obdachlosen eingerichtet: Dignityville. Für Menschen, die eine gute Ausbildung und früher einen guten Job hatten und durch Kündigung rasend schnell die soziale Spirale nach unten getrudelt sind. Dignityville ist der letzte Auffangort für die täglich größer werdende Zahl von Gestrandeten,  die erst ihren Job und dann ihr Zuhause verloren haben. Dan schämt sich, obwohl er weiß, dass seine Eltern nicht wirklich Schuld an der Situation haben. Dabei versucht er den Spagat zu seiner Freundin Talia und seinen Freunden, die in einer einer völlig anderen Welt leben. Sie haben alle noch ein Zuhause, können sich Dinge leisten, die für Dan mittlerweile unvorstellbar geworden sind. Hunger ist sein ständiger Begleiter geworden, denn das Geld ist nicht selten selbst für die Mahlzeiten in der Schulcafeteria knapp und das warme Abendessen in der Zeltstadt muss oft genug reichen. In Dignityville lernt Dan Meg näher kennen, die auch auf seine Schule geht. Mit ihr kann er über Dinge reden, die seine anderen Freunde nicht verstehen, nachvollziehen können. Dan gerät mit seinen Gefühlen zwischen zwei Stühlen, denn seine Beziehung zu seiner Freundin ist ihm wichtig, auch wenn er sich oft ihr gegenüber für seine Situation schämt. Als Megs Bruder Aubrey hinterhältig niedergeschlagen wird und schwer verletzt im Koma liegt, ist Dan für Meg eine große Stütze. Dan versteht langsam, dass die meisten Menschen, die in Dignityville leben, keine Verlierer sind. Sie strengen sich an, um ihr Leben irgendwie wieder eigenständig auf die Reihe zu bekommen und kämpfen, um einen Job zu finden und ihren Stolz und ihre Würde nicht zu verlieren. Als er durch Zufall beobachtet, wie sein Vater in merkwürdiger Verkleidung Pfandflaschen sammelt und offenbar sich heimlich mit dem Vater seiner Freundin trifft wird er misstrauisch…

Rezension:

Morton Rhue ist bekannt für seinen ungeschminkten und direkten Blick auf die amerikanische Gesellschaft und die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart. Seine Sprache ist klar, direkt und verzichtet auf aufgesetzte jugendliche Attitüden, auch wenn es, wie in diesem Roman, einen jugendlichen Erzähler gibt. Aus der Sicht des Protagonisten Dan wird deutlich gemacht, wie schnell der soziale Fall ins Bodenlose in den USA geht. Verliert man hier den Job, ist der Verlust von Haus/Wohnung relativ absehbar, die direkte Folge ist Obdachlosigkeit. Man würde gerne manchmal behaupten, dass Rhue mit überzogenen Klischees spielt, doch dem ist offenbar leider nicht so. Sofern das mit gefülltem Magen und einem Dach über dem Kopf möglich ist, fühlt man mit Dan und versteht seine Scham, seine Wut und Verzweiflung genauso wie die Angst, seine Freunde/Freundin zu verlieren, weil sie die letzte Verbindung zu seinem alten Leben sind. Dan weiß, dass seine Eltern keine „Looser“ sind und wie viele andere Menschen Opfer der wirtschaftlichen Depression wurden und durch entsprechende Verkettung in den sozialen Abstieg gerieten. Das verhindert jedoch nicht, dass er in Momenten völliger Verzweiflung, wenn der Hunger im Magen brennt, sich fragt, warum sein Vater sich keinen „besseren“ Beruf als den eines Sozialarbeiters ausgesucht hat und ob er wirklich genug dafür tut, einen neuen Job zu finden. Als die Familie in Dignityville ankommt, bittet die Mutter ihren Sohn, alles einfach und ohne Vorurteile auf sich zukommen zu lassen, was ihm unendlich schwer fällt. Wenn er es gar nicht aushält, würde man eine andere Lösung suchen. Doch Dan wird schnell klar, dass es erst mal keine Alternative gibt. Während der Vater sich als Versager sieht, zunehmend depressiver wird und mit Blutspenden und dem Sammeln von Pfandflaschen ein wenig Geld verdient, entwickelt die Mutter einen zupackenden Aktivismus. Sie sieht sich als Pionierin in einer neuen, autarken Lebensform und engagiert sich für die Durchsetzung eines Ökonutzgartens. Aber auch ihre Kräfte und Optimismus stoßen bald auf Grenzen. In seiner Verzweiflung lässt sich der Vater mit den Gegnern von Dignityville ein. Es sind die Immobilienverkäufer, deren Verkauf von ganzen Neubauviertel zu scheitern droht, da die Zeltstadt potentielle Käufer abschreckt. Diese Verbindung hat für ihn schlimme Folgen und stellt ihn als Verräter bloß. Dan fühlt sich in Dignityville an seine Schullektüre “Früchte des Zorns” von John Steinbeck erinnert, die er im Vorjahr gelesen hat. Am Anfang hat für Dan (und seinen Freund Noah) der Satz aus diesem Roman „Ein Mann muss tun, was er für richtig hält“ noch eine augenzwinkernde Aussage  für alles, was sie nicht erklären konnten oder wollten. Am Ende des Buches ist Dan in vielerlei Hinsicht gereifter und der einst wichtige Satz ist bedeutungslos geworden. Die bis heute ungelösten Probleme und Auswirkungen einer (Welt-)Wirtschaftskrise, die John Steinbeck vor über siebzig Jahren in seinem Roman verarbeitet hat,  scheinen Morton Rhue zu “No place, no home” inspiriert zu haben. Steinbecks Klassiker begleitet den aktuellen Roman durch eingebundene Zitate oder Ausschnitte wie ein roter Faden und zeigt, dass der Mensch nicht viel dazu gelernt hat.

Morton Rhue ist es gelungen aufzuzeigen, dass viele Menschen nicht aus Phlegmatismus oder mangelndem Willen alles verloren haben und aus der Lebensbahn geworfen wurden. Er zeigt die Folgen der Wirtschaftskrise und den daraus resultierenden Sparmaßnahmen, die sich in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft gravierend auswirken.

Im Gegensatz zu seinem letzten Roman “Über uns Stille” (Ravensburger, Mai 2012) legt der Autor hier wieder einen beeindruckenden, nachhallenden Roman vor, der auch zur Diskussion aufruft. Er greift viele Aspekte wie Familie, soziale Gerechtigkeit, Gewalt und Verrat auf und ist sicher auch eine facettenreiche Schullektüre.

Man legt dieses Buch mit einem sehr mulmigen Gefühl aus der Hand und ist dankbar, daß hierzulande das soziale Netz doch deutlich enger ist und man man  im Vergleich zu den USA nach dem Verlust von Arbeit noch relativ weich aufgefangen wird, wenngleich auch bei uns die Armutsgrenze stetig steigt und immer mehr Kinder hungern müssen.

Das Cover ist nicht besonders ausgefallen und doch mit seinem großen, orangen Titel auffallend.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

 

 

 

 

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