Train Kids

Train Kids KLEIN

Dirk Reinhardt

Gerstenberg, Januar 2015

320 Seiten, € 14,95

ab 13 Jahren

 

 

 

„Von hundert Leuten, die den Fluss überqueren, packen es gerade mal zehn durch Chiapas, drei bis zur Grenze im Norden und einer schafft`s rüber.“  Mit dieser Warnung im Gepäck lassen sich Miguel, Jaz, Emilio und der kleine Ángel nicht davon abhalten, den zweieinhalbtausend Kilometer weiten Weg quer durch Mexiko über die Grenze in die USA anzutreten.

Miguel, der 14-jährige Erzähler der Geschichte, lebt alleine mit seiner heute zehn Jahre alten Schwester in einem kleinen Dorf in den Bergen Guatemalas. Vor sechs Jahren hat die Mutter sie verlassen, um in den USA eine Arbeit zu suchen und sie so schnell wie möglich nachzuholen. Zwar hat sie ihnen Geld und Geschenke geschickt, doch ein Wiedersehen gab es in den sechs Jahren nicht, geschweige wurde das Versprechen eingelöst, ihre Kinder in die USA nachzuholen. Miguel weiß, dass er in seiner Heimat keine Zukunft hat und macht sich ebenfalls auf den Weg in die USA auf, um seine Mutter in Los Angeles zu finden. Auch er verspricht seiner kleinen Schwester, dass alles gut wird und er sie, sobald es möglich ist, nachholen wird und warnt sie eindringlich, sich nicht alleine auf den Weg zu machen.

In einer Migrantenherberge trifft Miguel auf Emilio, Ángel und Jaz sowie auf Fernando, der diese Reise bereits schon ein paarmal gemacht hat und mit seinen Erfahrungen die kleine Gruppe als Anführer leitet. Zu fünft treten sie die lebensgefährliche und lange Tour quer durch Mexiko als blinde Passagiere auf Zugdächer sitzend an. Lebensgefährlich nicht nur deshalb, weil sie höllisch aufpassen müssen, nicht durch Äste oder Stromleitungen vom Zug weggefegt zu werden, auch weil Kälte, Hitze, Hunger und Durst ihre ständigen Begleiter sind. Außerdem müssen sie sich ständig vor brutalen Drogendealer-Banden und korrupten Polizisten vorsehen, die mit ihren eigenen Gesetzen den Weg bis zur Grenze bestimmen. Auch wenn Fernando bereits mehrfach Erfahrungen auf solchen Reisen gemacht hat, wird er trotzdem aufs Neue von der Brutalität und Gerissenheit der Banditen überrascht.Obwohl sich die Fünf zunächst mit misstrauischem Abstand begegnen, merken sie doch schnell, dass sie nur als Team eine Chance haben durchzukommen. Die Frage, ob sie als Einzelkämpfer oder als Gemeinschaft das Ziel erreichen, entscheidet sich in einer dramatischen Situation mit korrupten Polizisten. Miguel und seine Mitreisenden werden Freunde auf Zeit, doch werden sie die Grenze und die USA tatsächlich erreichen?

In den letzten Jahren wird die Flucht von Jugendlichen aus armen Ländern nach Europa oder in die USA immer häufiger in der Jugendliteratur thematisiert, was leider die dramatische und traurige Aktualität unterstreicht. Dirk Reinhardt ist in einer leicht zu lesenden und dennoch nicht nachlässigen Sprache ein höchst spannender Abenteuerroman gelungen, der leider auf wahren Begebenheiten beruht. Durch den Ich-Erzähler Miguel ist man von Anfang an in der Geschichte drin und schließt sich der kleinen Gruppe als sechster Begleiter an, was auch die hervorragende Charakterisierung der einzelnen Figuren beweist.

Jaz ist ein Mädchen, die versucht, sich mit kurzen Haaren und burschikos gekleidet als Junge durchzuschlagen, was recht schnell auffliegt. Damit hat der Autor raffiniert die Brücke zum zarten “love interest“ geschlagen, der aber angenehm und realistisch im Hintergrund bleibt. Nicht nur aus diesem Grund auch und gerade für (lesefaule) Jungs ein empfehlenswertes Buch.

Viele Menschen und Jugendliche machen sich alleine aus den ärmsten Ländern der Welt wie Honduras, Guatemala, Nicargua oder El Salvador auf den unvorstellbar langen Weg auf, um ihre Elternteile in den USA zu finden, die sich vor längerer Zeit aufgemacht haben, dort illegal Arbeit zu finden und Geld zu verdienen und mit denen bis auf ein paar Briefen die Verbindung abgebrochen ist. Verloren und ohne Perspektive bleiben ihre Kinder in der Heimat zurück. Sie nehmen die lebensgefährliche Reise mit dem Wissen in Kauf, dass höchstwahrscheinlich mehrere Anläufe für das Erreichen der Grenze nötig sind, was immer noch besser ist, als arm, ohne Zukunft und mit Hunger in ihrer Heimat zu bleiben.

Der Autor und Journalist Dirk Reinhardt hat bei seinen Recherchen zu diesem Buch mit jungen Migranten und einigen Jugendlichen gesprochen, die als „Train Kids“ oder „Invisible Victims“ diese Reise angetreten sind, sowie mit Vertretern von Menschenrechtsorganisationen und Migrantenasylen. Ein kleiner Lichtblick sind die wenigen, guten Engel, die die Reisenden aufnehmen und versorgen, damit sie ein wenig gestärkt ihren Weg fortsetzen können, wie beispielsweise Padre Flor Maria Rigoni aus Tapachula, der als „Padre“ in der Geschichte den Reisenden Schutz bietet.

Von der ersten bis zur letzten Seite ein hochspannender, bewegender Abenteuerroman, der leider auf der dramatischen Tatsache beruht, dass Menschen jeden Alters illegal auf Güterzügen quer durch Mexiko fahrend mit ihrem Leben spielen, um in den USA Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Der Roman hallt nach und macht nachdenklich, dankbar.

Das Cover passt perfekt.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

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